reutlinger general-anzeiger - januar 2006
bericht diorama - zeremonienmeister des elektro-pop

diorama torben wendt


Konzert - Die Reutlinger Darkwaver Diorama überzeugen im Nepomuk mit einem wunderbar lakonischen Auftritt

Zeremonienmeister des Elektro-Pop

REUTLINGEN. Da haben uns die Veranstalter vom Cafe Nepomuk nicht zu viel versprochen: Eine Reutlinger Band, die in ihrer Heimatstadt so gut wie unbekannt ist, international und in den Alternativcharts jedoch seit über acht Jahren für Furore sorgt. Die bereits in der ganzen Welt, von Moskau über Paris bis nach Toronto herum- gereicht wurde und auch in den großen deutschen Clubs heiß begehrt ist. Nur in der Stadt, aus der die Darkwave-Band Diorama stammt, kriegte man davon nichts mit. Das änderte sich nun mit ihrem ersten Reutlinger Auftritt im mit mehr als 300 Besuchern gut gefüllten Nepomuk. Nach der CD-Vorstellung der ebenfalls aus Reutlingen stammenden Gothic-Rocker von Blindeyes betritt das Trio um Sänger und Songwriter Torben Wendt zu später Stunde die Bühne. Und es schafft von Beginn an eine Konzertatmosphäre, die den schmalen Grat zwischen Amüsement und Raffinesse zu nutzen weiß. Die Beats plätschern nicht uninspiriert vor sich hin, sondern staffeln sich im Laufe des Abends zu so perfekt sphärischen wie tanzbaren Meisterwerken. Mal zuckeln und rucken sie ungestüm, dann wieder fließen sie so butterweich und entspannt wie bei den Songs »Sign« oder »Das Meer«. Der Duktus des gesamten Auftritts ist wunderbar lakonisch, unprätentiös und schlicht. Da schummeln sich keine avantgardistischen Klangexperimente an den computergestützten Sounds vorbei und verkünden die Wiedergeburt der Kunst. Diorama bleiben stets am Boden haften, ohne jedoch banal oder einfallslos zu sein. Auf der Bühne erzeugen Torben Wendt, Bernhard Le Sigue, Sash Fiddler, Felix Marc und (bei einigen Songs) Gastdrummer Markus Halter die Atmosphäre einer Großstadtdisco: nüchtern und zugleich pompös, egoman und dennoch fähig, eine trendbewusste Szene an sich zu fesseln. Ihre Musik ist noch immer eine sichere Bank, wenn es darum geht, ein Haus zu rocken. Und das tun Diorama, und zwar ganz mächtig. Es gelingt ihnen, den Spannungspegel konstant am oberen Ende der Skala zu halten. Ohne dramaturgische Zwischenbremsungen. Das allein ist schon eine Kunst. Dazu mimt Mastermind Torben Wendt im Spannungsfeld von Perfektion und Melancholie den Charismatiker, Eintänzer, Anheizer und Prediger in Personalunion. Seinen Eigenkompositionen verleiht er mit satter Stimme mal morbiden, mal entrückten Glanz.
Er erweist sich als Meister im Inszenieren wohl kalkulierter Spannung, im Erzeugen wohliger Schauer. Ein geglücktes Heimspiel. Die Reut-linger Zeremonienmeister des Elektro-Pop werden, soviel steht fest, ihre Heimatstadt in guter Erinnerung behalten -was auf Gegenseitigkeit beruht.

text & foto: jüsp

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