black 2000 - interview diorama
interview mit torben wendt

torben wendt dioramaDas Jahr neigt sich dem Ende zu ... die Tage werden kürzer -- es wird kälter, beginnt zu frieren und zu schneien und ehe man sich versieht, ist es schon Dezember und Weihnachten steht vor der Tür. Die Menschheit wird besinnlich, bereitet sich auf das Fest der Liebe und Familie vor... bis auf die wenigen, denen dieses Fest so gut wie gar nichts bedeutet. Wunderbar, ich gehöre auch zu diesen Personenkreis und ziehe mich deshalb jedes Jahr während der festlichen Tage in meine Wohnung zurück und versuche nicht allzuviel von dem ganzen Weihnachtstrubel mitzubekommen. Am besten gelingt mir das bei guter Musik, einem guten Buch und mit Beschäftigungen, die ich übers ganze Jahr hinweg vor mir herschiebe. In Anbetracht der kalten Jahreszeit, des trübseligen Wetters und der melancholischen Stimmungen greife ich an solchen Tagen immer wieder auf Percy B. Shelly und Charles Baudelaire zurück und höre viel Musik, die mich innerlich zu bewegen vermag. Zu dieser Sorte von Musik gehört seit einigen Wochen auch das Album "Pale" von DIORAMA, einer Veröffentlichung aus dem Hause ACCESSION RECORDS. Hinter DIORAMA verbirgt sich das Multitalent Torben Wendt, der hier sein Können erstmals unter Beweis stellt.
Das Torben tatsächlich jemand ist, der sein Handwerk versteht, daß merkt der geneigte Hörer sehr schnell, wenn er sich Stück für Stück der 11 Tracks auf der Zunge zergehen läßt. Es mag übertrieben klingen, doch "Pale" übertrifft in vielerlei Hinsicht alle Erwartungen, die man in das Album eines "Newcomers" steckt ... vielleicht war ich deshalb auch von der ersten Sekunde an von diesem Album fasziniert. Exzellent faßt er Stimmungen und Gefühle in Worte, setzte diese auf poetische Art und Weise um und untermalt das Ergebnis mit orchestral-symphonischen Arrangements, die den Hörer betroffen stimmen oder zur Nachdenklichkeit anregen. Ohne es zu wollen, beginnt man über sich und das Leben zu sinnieren, stellt getroffene Entscheidungen in frage und wundert sich letztlich, warum das so ist. Ein weiterer - sehr wichtiger - Faktor für die Genialität des Albums ist die Tatsache, daß sie von keinem Geringeren als Adrian Hates von DIARY OF DREAMS produziert wurde. Seine freundschaftliche und fachmännische Unterstützung tut "Pale" sehr gut, wenngleich man seine Handschrift sehr schnell erkennt. Somit sollte DIORAMA zumindest schon all jenen Hörern ans Herz gelegt sein, die eine Vorliebe für DIARY OF DREAMS haben ... sie dürften hier voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Als besonderes Schmankerl gibt´s dann auch noch ein Duett von Torben und Adrian ("Masquerades And Faces"), das die Intensität dieser meisterhaften Veröffentlichung noch unterstreicht. Wer Torben Wendt überhaupt ist, was er so in den letzten Jahren musikalisch getrieben hat und welches Ziel er nun mit DIORAMA verfolgt, dazu habe ich den Künstler vor wenigen Wochen im Rahmen eines Interviews befragt und viele, äußerst interessante Antworten bekommen, die ich Euch natürlich nicht vorenthalten möchte:

? Torben, Du präsentierst dieser Tage mit "Pale" das erste Album Deines Projektes DIORAMA und bislang konnte ich nur sehr überschwengliche Besprechungen über Dein Erstlingswerk in bekannten Szene-Magazinen lesen. Überraschen Dich diese überaus positiven Stimmen sehr und wieviel Erwartungen hattest Du selbst von Anfang an in "Pale" und das darauf enthaltene Material gesteckt.

Ehrlich gesagt hatte ich vor der Veröffentlichung des Albums "Pale" nicht die leiseste Ahnung welchen Anklang es finden würde, insofern hatte ich
diesbezüglich weder allzu positive, noch negative Erwartungen. Das die Scheibe so gut angenommen wird bedeutet eine enorme Bestätigung für mich. Ich persönlich stehe natürlich voll hinter meinem Erstlingswerk, bin überzeugt von dem darauf enthaltenen Material. Dennoch bin ich als relativer Neuling nicht abgebrüht genug um Kritiken gegebenfalls keine Beachtung zu schenken, vor allem da ich weiß, wie intensiv sich gerade Redakteure der Szene-Magazine mit der zu beurteilenden Musik auseinandersetzen.

? Dein Name ist mir bislang nie im Rahmen eines anderen Projektes oder einer anderen Band aufgefallen, weshalb mich natürlich brennend interessieren würde, was Du vor DIORAMA so alles musikalisch getrieben hast und wie Du zur Musik gekommen bist. Vielleicht plauderst Du einfach mal ein bißchen aus dem Nähkästchen ...

Erste Gehversuche auf musikalischem Parkett unternahm ich mit der Punk-Band DRINKING BIER, bei der aber eher der Bandname Programm war, als die Musik selbst. Ich war übrigens der Drummer dieser Band. Angefangen, eigene Musik zu machen habe ich im Alter von ungefähr 15-16 Jahren. Damals formierte sich mit den SKYDIVERS mein erstes einigermaßen ernstzunehmendes Musikprojekt, bei dem ich mit Freunden zusammen hauptsächlich Trance und Pop produzierte in einem vom Jugendwerk zur Verfügung gestellten Studio. Damals war es der reine Spaß an der Musik und Kreativität. Motivation genug, aus dem darin aber mit der Zeit Leidenschaft wurde.
Weitere musikalische Erfahrungen konnte ich durch die Komposition verschiedener Sound Tracks für Werbefilme, Industrie-Videos und Underground-Movies sammeln.
Dadurch und durch andere Aufträge ich habe zum Beispiel mal die Einlauf Hymne (Sagt man das so? Klingt irgendwie pervers...) für eine Boxerin komponiert, was ebenfalls ziemlich spannend war, konnte ich mir auch nach und nach kleines Studio finanzieren und aufbauen. Als ich jedenfalls mit 17 Jahren das Stück "Leaving Hollywood" schrieb und sich daraufhin eine eigene musikalische Ausrichtung immer mehr herauskristallisierte, setzten sich
die Zeichen für DIORAMA.

? Welche Bedeutung hat eigentlich der Name DIORAMA und weshalb hast Du Dich für ihn entschieden?

DIORAMA ist eine alte Bezeichnung für Guckkasten oder Schaukasten im weitesten Sinne, also ein Medium zur Austellung oder Darstellung. Der Name DIORAMA spiegelt meine Auffassung von Musik als eine Art akustischer Schaukasten wider. Ich sehe Musik als eine Möglichkeit, Gefühlen, Träumen
Visionen, Erlebnissen eine Form zu verleihen, deren Ausdruckskraft wert über die Grenzen der bloßen Realität hinausreicht. Auf diese Weise können Dinge veräußert und beschrieben werden, die sich sonst für immer in der Tiefe der Seele verschließen würden.

? Was mir bei DIORAMA sofort aufgefallen ist, ist die musikalische Nähe zu Deinem Produzenten ADRIAN HATES und dessen Band DIARY OF DREAMS. Das ist zunächst kein Manko, zumal Du musikalisch zu eigenständig auftrittst als daß man Dich als Kopie bezeichnen könnte. Dennoch möchte ich gerne von Dir wissen, ob Du Dir letztlich diese musikalische Nähe selbst erklären kannst und ob Sie eher zufällig oder gar bewußt entstand?

Die Wurzeln der musikalischen Nähe würde ich auf ähnliche Philosophien und Intentionen hinter der Musik, sowie menschliche charakterliche Parallelen zurückführen. Als ich zum ersten Mal mit DIARY OF DREAMS in Berührung kam, war ich selbst erstaunt, wie ich mich und meine Musik darin widergespiegelt sah bzw. hörte, was für mich auch die Veranlassung war, zu Adrian Hates Kontakt aufzunehmen. Klar, abgesehen von diesen Makro-Parallelen kann ich Adrian auch eine gewisse Einflußnahme auf "Pale" nicht absprechen was - denke ich - aufgrund seiner Tätigkeit als Producer und meiner anfänglichen Unerfahrenheit nachvollziehbar ist.

? Wie kam denn der Kontakt mit Adrian Hates und ACCESSION RECORDS zustande und wie hast Du die Zusammenarbeit mit ihm als Produzent Deines Debut-Albums empfunden?

Eines Tages bekam ich Besuch von einem Freund, der das Album "End of Flowers" von DIARY OF DREAMS in der Hand hielt und mich bestürmte, es sofort anzuhören. Die Musik sei so ähnlich, wie das, was ich machte. Spätestens nachdem ich die Klavierballaden "Oblivion" und "Tears Of Laughter" gehört hatte, wer mir klar, daß ich Adrian kontaktieren mußte, was ich wenig später auch tat, indem ich ihm schrieb. Adrian antwortete mir daraufhin telelefonisch und bat mich, ihm ein DemoBand zukommen zu lassen. Einen Tag später als ich das Tape mit 4 Stücken losgeschickt hatte, rief er an mit dem überzeugtem Wunsch, DIORAMA zu produzieren.
Die letztendliche Zusammenarbeit verlief sehr harmonisch und war eine Bereicherung für uns beide, glaube ich. Von verschiedenen organisatorischen Problemen abgesehen, die in der geographischen Distanz und der oft extrem spärlich bemessenen Zeit (totale Wochen-end-Ausnutzung) ihre Ursache fanden, haben wir eine Arbeitsweise herausgebildet, die effektiv war und natürlich viel Spaß gemacht hat. So war Adrian vornehmlich für die technischen Komponenten verantwortlich während ich mich voll um die Musik kümmern konnte.

? Deine Texte auf "Pale" sind für meinen Geschmack insgesamt sehr poetisch und persönlich ausgefallen. Liest Du grundsätzlich gerne und teils ja, welche Schriftsteller oder Poeten haben Dich in Bezug auf Deine Texte inspiriert oder beeinflußt?

Ich bin grundsätzlich eine Leseratte, der es aber leider momentan völlig an Zeit fehlt. Die Bücher stehen meistens doch ganz am Ende der Liste der noch zu erledigenden Dinge wenn überhaupt. Früher habe ich leidenschaftlich gerne vor dem Einschlafen gelesen, in letzter Zeit jedoch schlafe ich vor dem Lesen ein. Vor allem Franz Kafka möchte ich einen immensen Einfluß auf mein eigenes Schaffen beimessen, der nicht allein auf ähnlichen Aussagecharakteristiken dem gemeinsamen Verlangen nach Ausdruck oder meiner Identifikation mit einigen seiner Werke beruht, sondern mehr noch auf meiner Faszination für seine überragende Fähigkeit mit Worten intensive, fast schon unglaublich anmutende, fesselnde bildlich-sphärische Wirkungskraft zu erzeugen. Durch die Erkenntniss, wie weitreichende Bedeutungen künstlerische Werke annehmen können wurde meinem Willen zum Schaffen selbst ein entscheidendes sinngebendes Element verliehen. Auf dem Album findet sich sogar ein Kafka-Zitat, was aber eher als Hommage, denn als direkte Einflussnahme aufzufassen ist. Ziemlich inspirierend fand ich auch "les fieurs du mal' von Charles Beaudelaire irgendwie habe ich ein Faible für französische Schriftsteller.
Eines der besten Werke, zu denen ich in der letzten Zeit doch gekommen bin ist der Engel 'Maldodor" von Lautreamont. Ich denke, daß ich dorther einige Inspirationen für das 2. DIORAMA Album beziehen könnte. Mal sehen.

? Die Grundstimmung auf "Pale" kann man durchweg als melancholisch und nachdenklich bezeichnen. Man gewinnt sehr leicht den Eindruck, als wärst Du Deiner Umwelt gegenüber sehr skeptisch und verpackst Erfahrungen, die Du in bestimmten Situation gesammelt hast, in Deinen Texten. Als Paradebeispiel möchte ich hier "Said But True" anführen, welches für mich zu den Höhepunkten den Albums gehört. Mich würde daher interessieren, ob ich zum einen mit meiner Vermutung richtig lag und ob Du vielleicht ein wenig auf den thematischen Hintergrund dieses Songs eingehen könntest?

"Said But True" hat als thematische Hintergrund tatsächlich Abneigung, die Unmöglichkeit zur Identifikation, sowie Unverständnis der Umwelt, hauptsächlich dem sozialen Umfeld gegenüber interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß der Protagonist, obwohl er sich äußerst überlegen und BESSER als sein Umfeld fühlt, doch gerade davon regelrecht vertrieben und verbannt wurde. Gegen die Entwicklung, die er durch das "feindliche" Umfeld durchlaufen mußte, war er absolut machtlos und es wird klar, daß seine anfänglichen überheblichen Äußerungen nur von dem Standpunkt getroffen werden können, an dem er sich jetzt durch Fremdeneinwirkung befindet. Nur dort kann er sich immun gegen die Feindseligkeit behaupten. Ein Zustand der Stille, der Empfindungslosigkeit, aus dem er nie wieder wird zurückkehren können. Aus diesem Blickwinkel schließlich erkennt er, daß er zwar für immer unantastbar geworden ist, dies aber ein SCHEINSIEG ist. In Wirklichkeit hat er eine Niederlage erlitten, all die Täuschungen und Lügen haben eine einzige wahre Tatsache hervorgebracht, seine Nicht-Mehr-Existenz...

? "Said But True" ist auch eines der wenigen Stücke auf "Pale", welches musikalisch insgesamt ein wenig eingängiger ausgefallen ist und sich vom eher orchestral-ruhigen Rest des Albums abhebt. Eigentlich ein potentieller Clubhit und das, obwohl der Text sicherlich sehr tiefsinnig gehalten ist. Wieso weichst Du gerade in diesem Fall von den ansonsten recht anmutigen Arrangements ab und greifst auf tanzbaren Rhythmus zurück?

Beim Komponier- und Arrangiervorgang spielt es sich in den allermeisten Fällen so ab, daß die Musik einfach aus mir herausströmt. Ich versuche auch, diesen natürlichen Vorgang so wenig wie möglich bewußten Einflüssen zu unterwerfen. Insofern tue ich mich stets schwer, derartige Fragen zu beantworten, denn in gleichem Maße, wie ich beim Rest des Albums tanzbare Rhythmik nicht bewußt vermeiden wollte, habe ich sie bei "Said but true" nicht bewußt forciert. Das Stück hat sich so entwickelt. Danke aber für das positive Echo.

? Bis auf ein wenig Hilfe von Alistair Kane (Gitarre) und Adrian Hates (Akustik Gitarre) hast Du alle Instrumente auf "Pale" selbst eingespielt.Du scheinst ein wahres Multitalent in Bezug auf die Instrumentierung und die Arrangements zu sein. Hattest Du in der Vergangenheit Unterricht, vielleicht sogar in Zusammenhang mit einem oder mehreren klassischen Instrumenten?

Danke! Ja, wie oben schon erwähnt, kann ich von einer langen Klavierausbildung profitieren, außerdem habe ich mir im Laufe der Zeit das Schlagzeug spielen beigebracht. Instrumentierung und Arrangierung passieren sozusagen automatisch, wahrscheinlich kann das auch keiner vollständig unterrichtsmäßig beibringen.

? Gibt es bereits konkrete Pläne, DIORAMA in nächster Zeit auch "live" auf einer Bühne zu präsentieren, und falls ja, wirst Du dann auf Gastmusiker oder gar eine Art Band zurückgreifen?

Das ist die große Frage, mit der ich mich zur Zeit beschäftige. Natürlich sind Live-Auftritte in Planung konkret z.B. ein Auftritt in Leipzig auf dem Wave-Gothic-Treffen 2000, die Art der Präsentation allerdings steht noch nicht fest. Wahrscheinlich werde ich auf ein oder zwei Gastmusiker zurückgreifen, denn es wird schwierig sein, Live-Arrangements für eine ganze Band auszuarbeiten vor allem in kurzer Zeit. Auf lange Sicht lohnt es sich sicher, eine Band zusammenzustellen, das kommt natürlich ganz darauf an, ob man geeignete Leute findet. Fest steht auf jeden Fall, daß es demnächst eine angemessene und eindrucksvolle Bühnenpräsentation von DIORAMA geben wird. Das ist das Ziel. Meine ersten DIORAMA-Auftritte habe ich übrigens schon abgeliefert in Form von Musikabenden, bei denen ich mich ausschließlich auf Klavier und Gesang limitiert habe. Stattgefunden haben diese in Reutlingen, meiner Heimatstadt und es kam sehr gut an, hatte ich den Eindruck.

? Wie sehen Deine weiteren Pläne für die Zukunft von DIORAMA aus?

Definitiv das nächste Album, das ich sobald wie möglich "hinterherschießen" möchte. Ein Teil ist schon fertig und ich denke, man kann sich da auf etwas gefaßt machen. Langfristig planen möchte ich hier noch nicht, einiges wird davon abhängen, wie  sich die sonstigen Lebensumstände und Verpflichtungen so entwickeln und wieviel Erfolg die DIORAMA-Geschichte haben wird.


interview: Thomas Wacker & torben wendt

foto: gunnar engel

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uelle magazin-Interview: black - 2000 

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