gothic no.48 2005 - interview diorama
erinnerungen, die überall hin folgen

diorama


gothic:
Diorama 2005, das ist anders. Nicht nur deswegen dreht das neue Album den Bandnamen um und heißt schlicht "Amaroid". Trotz zugänglicherer Songs präsentiert sich die Elektronik des Reutlinger Duos als über 70 Minuten vertonte Reise ins Innere intimer Gedankenwelten und damit weitab von leichter Kost. Ein weiteres Zeichen für Sonderbarkeit: Aufgenommen wurde zudem gleich in fünf verschiedenen Studios. Hat Torben Wendt keine Angst vor zu vielen Köchen am Brei?

torben: Definitiv nein. Wir haben zwar mit mehreren Technikern zusammengearbeitet, und natürlich beschleunigt und erleichtert es den Vorgang, wenn man jemanden vor Ort hat, der seine Geräte aus dem Effeff kennt und das Setup so einrichtet, dass die Produktion ihren Gang gehen kann. Der kreative Einfluss auf das letztendlich Hörbare beschränkt sich jedoch auf Felix und mich, und wir lassen uns kaum reinreden.

gothic: Arbeitest du konkret an einem Werk oder sammelst du Fetzen, die du dann an einem Punkt zusammensetzt, wenn du denkst „Okay, es wäre mal wieder Zeit für ein Album?"

twn: Gute Frage! Wenn ich mich dazu entschließe, ein neues Album aufzunehmen, gibt es schon eine Art Startschuss, einen Zeitpunkt, von dem an die volle musikalische Energie in dieses Projekt investiert wird. Dennoch kann es vorkommen, dass ältere 'Fetzen' in das Album mit einfließen, wenn sie dem gleichen Gedankengut entsprungen sind. Meine Arbeitsweise ist jedoch nicht, einfach Material anzuhäufen, bis irgendwann eine Album füllende Menge zustande gekommen ist. Vor allem vor dem Hintergrund, dass eine Albumproduktion meist ihre ganz eigene Dynamik entwickelt, die dem Album letztlich auch seine Homogenität verleiht. An "Amaroid" haben wir insgesamt knapp zwei Jahre gearbeitet.

gothic: Nach deinem Kanada-Aufenthalt warst du nun in Spanien. Üben verschiedene Umgebungen auch verschiedene Einflüsse aus oder bleibt Kunst davon unbeeindruckt, weil sie an jedem Ort vom selben Menschen geschaffen wird?

twn: Ich sehe meine Musik zu einem gewissen Anteil von meinen Erlebnissen und den daraus entspringenden Gedanken bestimmt. Daher hat es durchaus eine Bedeutung, wo ich mich gerade aufhalte und was mich dort inspiriert. In Kanada war das vor allem die gigantische Natur und die Anonymität einer amerikanischen Großstadt, in Spanien... keine Ahnung, wahrscheinlich der Wein, (lacht) Dennoch gibt es geografisch unabhängige Bestandteile im Einfluss auf die Musik, zum Beispiel die Sucht nach Einsamkeit, die mich über kurz oder lang überall befallen, wohin ich gehe. Oder Erinnerungen, die überall hin folgen.

gothic: Findest du deine Inspiration eher in Isolation oder beim Betrachten des geballten Lebens?

twn: Eher Isolation.

gothic: „Someone dies" ist für mich nach kurzer Hörzeit ein echter Höhepunkt. Inhaltlich wird nüchtern seziert, was alles in Menschen vorgehen kann, wenn ein anderer stirbt, korrekt?

twn: Sehe ich genauso. Einerseits das Trauern über einen Verlust, das alle Bewegungen einzufrieren scheint, das dem Raum die Luft und die Farbe entzieht, andererseits die Fassungslosigkeit, wie unbeeindruckt - fast zynisch - das Leben weiter durchs Jetzt fließt und unaufhaltsam alles mitreißt und beschwingt, sogar einen selbst, während Freudentränen aus dem Nichts zurück ins Nichts wandern.

gothic: „Amaroid" soll „die Flucht vor, die Flucht ins Leere sein". Ist demnach für dich beides identisch? Gibt es einen Weg heraus aus der Leere?

twn: Mein Bild der Leere, worauf genanntes Statement anspielt, ist ein Zustand, in dem nicht gedacht, gefühlt oder gehandelt werden muss. Die Flucht findet in erster Linie vor Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen und Situationen der Unerträglichkeit der Gegenwart anderer Personen statt. Dass mit dem Auflösen, dem Sich-fallen-lassen in sich selbst gleichzeitig die Fähigkeit verloren geht, unbelastet und intuitiv in den Alltag hinein zu leben und vor allem zu interagieren, führt zu einem weiteren Anhäufen der Leere, bis diese unerträglich wird, weil die Sehnsucht nach Erfüllung, Glücklichkeit und Liebe entgegen der sich einstellenden unantastbaren Sicherheit und des wohligen Selbstmitleids letzten Endes nie auszublenden ist. Angst wäscht sich hoch, man versucht, einen Faden, einen Fetzen des wahrhaftigen, naiven Lebens zu erwischen und hält verzweifelt daran fest, in der Hoffnung, herausgezogen zu werden, die schwebt so zwischen den Ebenen und hofft, möglichst wenig aufzufallen. Einen Ausweg gibt es dabei nicht, weil man sich selbst in dieses Konstrukt keinen eingebaut hat.

gothic: Ist „Amaroid" als Konzeptalbum zu verstehen und am Stück zu hören, oder sind es einzelne Songs, die für sich stehen können?

twn: Den Stücken gemeinsam ist das Bild der Erforschung des eigenen inneren Vakuums, eine behutsame Autoaggressivität, wobei jedes durchaus eine autarke Geschichte erzählt. Ein bisschen von beidem also, mit leichter Tendenz zum Gesamtwerk, das seine volle Wirkung für mich erst beim Durchhören entfaltet.

gothic: Warum sich überhaupt mit einer Reise ins Innere oder mit einer vorhandenen Leere befassen? Stößt man dabei nicht bisweilen auf Wunden, die man sehr viel schmerzfreier schlicht betäuben könnte?

twn: Sicher. In der gerade durch ausgiebiges Betäuben forcierten Leere ist man am Ende jedoch fast mit Geilheit Schmerz zu fühlen bereit, um überhaupt noch etwas zu fühlen, ein Verlangen, das aus der Angst vor völliger Taubheit hervorbricht. Außerdem darf das hungrige Selbstmitleid nicht seiner Grundlage entzogen werden. Also auf zu alten Wunden und frischem Blut! Von einer anderen Seite betrachtet spüre ich oft eine fast wissenschaftliche Faszination, solche inneren Vorgänge zu studieren und festzuhalten. Klar hat dieses ganze Befassen mit dem Innenleben hypochondrische und teilweise sehr paradoxe Züge, aber es stellt eben auch einen philosophischen Reiz dar, verbunden mit dem Bedürfnis, die Dinge in eine Form zu bringen, in der es möglich ist, mit ihnen umzugehen.

gothic: Siehst du eine Gefahr, in der Musik selbst eigene Gefühle zu dramatisieren? Oder würdest du sagen, dass die Musik der eigentlichen Intensität dessen, was du fühlst noch nicht einmal gerecht wird?

twn: Ja, die sehe ich. Man bildet sich wahrscheinlich ohnehin schon genug Schmerz und Verfolgungswahn ein; die Musik bietet eine zusätzliche Gelegenheit, neben der reellen Gefühlswelt auch solche Illusionen zu vervollkommnen, aufzubauschen und in grenzenloser Freiheit zu perpetuieren. Aber, und das stellt die Gefährlichkeit in Frage, die Neigung dazu muss vorhanden sein. Und die Neigung nutzt die Musik dann als bloßes Vehikel. Diesen Einfluss sehe ich bei Diorama relativ gelassen, bisher ist es mir immer ganz gut gelungen, ein Gefühl, ein Gedankengeflecht so umzusetzen, dass es dem wahrhaftigen Ursprung im richtigen Maß gerecht wird und nur gelegentlich etwas übers Ziel hinausschießt oder in punkto Intensität zurücksteht.

gothic: Das Album schließt mit dem fast instrumentalen „Two boats". Sind das die Boote zweier Menschen, die sich von einander entfernen? Keiner ist zum anderen ins Boot gekommen und nun haben sie sich nichts mehr zu sagen?

twn: Nein, es ist ein Mensch, der gleichzeitig auf zwei Booten treibt und auch noch Beobachter des Bildes ist. Die beiden Boote symbolisieren zwei verschiedene Bewusstseinsebenen, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Die Textzeile 'Take me home don't take me home' beschreibt das recht treffend. Das Einbilden hat die Welt des Denkens verlassen und seine eigene Welt eröffnet. Da beide Welten in einem sind, muss man ebenso in beiden sein. Weil man aber nur über einen Geist verfügt, ist man zwangsläufig zerrissen und kann die Zerrissenheit nur meistern, indem man überall nicht wahrhaftig ist. Zwei Boote, die sich wie zwei Minuspole abstoßen, aber zur ewigen Parallelität verdammt sind. Das Stück versetzt das Grundbild eines Menschen, der sich auf verschiedene Charaktere verteilt sieht, einfach in eine nautische Metaphorik und spiegelt das Vergnügen daran wider, die einzelnen Figuren zu beobachten wie ein selbstlaufendes Schachspiel.

gothic: Über Diorama stand einmal zu lesen. Hauptthematik seien nicht gelebte Emotionen. Müsstest du, wenn du in der Lage wärst alles auszuleben, nichts mehr in Musik verarbeiten?

twn: Manchmal denke ich, der Verstand manipuliert die Verarbeitung der Gefühle, setzt falsche Filter usw. damit seine Dominanz nicht gefährdet wird. Wie in obiger Antwort dargestellt, gehöre ich zu den Menschen, bei denen Verstand und Gefühl in ziemlicher Anarchie miteinander auszukommen gezwungen sind. Du liegst vermutlich richtig. Wenn ich in der Lage wäre, ein gewöhnliches Leben ohne Selbstanalytikneurose zu führen und wenn normale Gespräche mit normalen Inhalten mit normalen Menschen für mich normal wären, und wenn ich eine Liebe fühlte, die mir ausreicht, dann würde ich wahrscheinlich meinem heimlichen Berufswunsch nachkommen und Lehrer sein, würde im Lehrerzimmer sitzen und nicht rauchen.

gothic: Zwischen den letzten Veröffentlichungen lag meist ein recht großer Zeitraum. Wird in Zukunft die Musik deine Hauptpriorität sein und dürfen wir mit mehr und schneller erscheinenden Alben rechnen?

twn: Ich versuche, die Musik zumindest mittelfristig zu meiner Priorität zu machen. Im Februar/März war ich viereinhalb Wochen mit Diary Of Dreams und Psyche auf Tour und im April geht's ja mit VNV Nation, Soman und Diorama schon wieder los. Da bleibt grundsätzlich nicht viel Platz für anderes. Dieses Jahr wird zudem durch die beiden weiteren geplanten Veröffentlichungen ein recht ereignisreiches für Diorama-Verhältnisse. Wie sich dann in naher Zukunft die Frequenz der Alben entwickelt, kann ich nicht vorhersagen. Das hängt ja nicht nur von planbaren Aspekten ab, sondern ob einen die Muse küsst und ob der Kuss schön ist.


interview: thorbjörn spiess & torben wendt

foto: silke jochum

quelle magazin-interview: gothic no.48 - mai/juni 2005 diorama-gothic

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