|
Thorbjörn: Bei unserem letzten Gespräch war die erste Frage, ob du konkret an jeweils einem Album arbeitest oder quasi Fetzen sammelst und die irgendwann zusammenstellst. Wie war es diesmal?
Torben: Die letzte Veröffentlichung war die Compilation „Re-Pale", auf der wir viele Projekte realisiert haben, die sich noch in den Wirrungen der Festplatten befanden. Die, die uns wichtig waren und die wir den Interessierten zugänglich machen wollten, haben wir so weit alle abgearbeitet. Das Ziel war dabei schon, einen leeren Schreibtisch zu bekommen und neu anzufangen. Mit Ausnahme des Debüts ist dies das Album, das am ehesten bei Null begonnen hat. Es hat einige Zeit gedauert, die entsprechende Neuausrichtung zu definieren und die komplette Thematik des Albums so auf den Punkt zu bringen, das man wirklich loslegen konnte. Die Phase, in der ich an Ideen und Konzepten gearbeitet und hauptsächlich Texte geschrieben habe, war sehr lang. Im Juni war ich anderthalb Monate in Österreich und die einzelnen Bandmitglieder sind je für eine Woche oder zwei vorbei gekommen. Mein mobiles Studio hatte ich dabei und habe dann dort einen Teil des Albums produziert, um mich unmittelbar von der Bergwelt inspirieren zu lassen. Und im Herbst habe ich mich in Holland in ein kleines Hotel eingemietet. Das Album ist also sehr gemütlich entstanden, aber an ganz verschiedenen Örtlichkeiten. Beim Produzieren haben wir auch sehr schnell gemerkt, dass uns das „Synthesize Me"-Thema als Single reizen würde.
tj: Würdest du mir zustimmen, dass DIORAMA, wo andere Bands sich konsequent von A nach Z bewegen, keine so klare Linie haben und in der Entwicklung eher wie ein Pendel schwingen?
twn: Ich denke, ich weiß, was du meinst. An solchen Überlegungen orientiere ich mich überhaupt nicht. Wie sich typisch Bands entwickeln und ob ich das für uns als sinnvoll erachte. Ich bemühe mich, die Entwicklung nicht einem Konzept unterliegen zu lassen. Wobei, das würde ich manchmal gerne, schaffe es aber nicht. Musik kommt bei mir so intuitiv, dass Versuche, diesen Prozess in logische Schemata zu zwängen, oft misslingen. Ansonsten sehe ich natürlich eine Entwicklung, aber tatsächlich keine so gradlinige. Der rote Faden ist eher ein Netz. Eine Ebene oder vielleicht sogar eine Räumlichkeit. Es besteht die Möglichkeit, dass sich etwas ausdehnt und wieder zusammenzieht. „A Different Life" sehe ich zum Beispiel wieder mehr in Richtung von „Pale" und „Her Liquid Arms", was die Einfachheit und Naivität betrifft,
Zurück zu „Synthesize Me". Ist es ein Kriterium für dich, dass Lieder auch in anderen, reduzierten Versionen funktionieren?
Überhaupt nicht. Es ist mir nur für diesen Song wichtig, bei dem ich Lust darauf hatte, ihn verschieden zu interpretieren. Ich bin aber kein Verfechter der Theorie, das müsse bei jedem Stück unbedingt sein oder sei eine besonders hohe Form der Kunst.
Die Piano-Version ist in meinen Ohren bislang aber die beste.
Wir haben einen ähnlichen Geschmack, glaube ich, für mich auch. Auf jeden Fall mein Favorit. Und wenn die unter den Tisch gefallen wäre, weil sie nicht mehr aufs Album gepasst hätte, hätte mir das Leid getan.
Der erste Gedanke beim Titel „Synthesize Me" war in meinem Fall der an Myspace und Konsorten, wo jeder Mensch auch in digitalisierter Form zugängig ist.
Da hast du einen guten Teil der Assoziationen erwischt, die für das Album eine Rolle gespielt haben. Eine Komponente bezieht sich darauf, dass das Leben nicht mehr nur in der Realität stattfindet, sondern positive und negative Gefühle gar nicht mehr passieren müssen, um empfunden zu werden. Es werden virtuelle Freundschaften geschlossen, die keinen Pfifferling wert sind. Dennoch stellen sie für die Menschen einen so positiven Reiz dar, dass man mitmacht. Vielleicht, um nicht ausgeschlossen zu werden, aus irgendeinem Bedürfnis heraus. Natürlich beschäftige ich mich damit, warum das momentan so ist und ob es Teil einer größeren Entwicklung ist oder ein Trend, der wieder zurückgehen wird. Wie das Fernsehen, das auf einem absolut absteigenden Ast ist. Es geht um synthetische Gemütszustände, die irgendwann so perfektioniert werden könnten, dass sie nicht mehr von realen zu unterscheiden sein werden. Andererseits ist es auch ein Wunsch, die Gefühle, die im eigenen Kopf Chaos entstehen lassen, auf leichter zu kontrollierende und leichter einzuschätzende elektronische Parameta reduzieren zu können. Sie zu konfigurieren und zu bearbeiten, damit man leicht und angenehm durch die Gesellschaft flutscht.
Tj: Ein bisschen „Amaroid" scheint durch, oder? Die Flucht vor einer Leere in eine Leere?
twn: Ja. Für mich ist es schwer, Musik über etwas zu schreiben, das mich nicht ernsthaft beschäftigt. Das sind also Themen, die mich dauerhaft in Beschlag nehmen, und Dämonen, mit denen ich immer kämpfen werde. Die eigene Identität im Zusammenspiel mit der Gesellschaft etwa. Es hängt sicherlich mit meiner Person zusammen, dass ich mich gezwungen sehe und gern in die Rolle schlüpfe, alles zu hinterfragen, was ich tue, was andere tun und was ich beobachte.
|