Was geschieht mit dieser Welt?

„In Burning Out geht es darum, für seine Kunst auszubrennen, ohne dass die Flammen irgendjemanden erreichen. Sozusagen alles zu geben und nichts zu erwar- ten. Diese Bereitschaft hatte ich von Anfang an."

Unbequem und sperrig - so präsentiert sich dieser Tage das jüngste Diorama-Output A Different Life. Schon in unserer Rezension des inzwischen fünften regulären Albums der Reutlinger wurde deutlich, dass Torben Wendt und seine Mannen überraschend raue Töne anschlagen. Gewichen sind die vertrauten, emotional-introvertierten Klänge einer ungewohnten Mischung aus Enttäuschung und Wut, hinter kreative Kopf der Schwaben gerne Auskunft.

Orkus: In jüngerer Zeit hat sich einiges in der Diorama-Familie getan. Ende letzten Jahres verließ euch Bernard Le Sigue. War er trotzdem noch an der Erstellung von A Different Life beteiligt, und wie soll es am Bass bei Diorama zukünftig weitergehen?

Torben Wendt: Bernard hatte den Großteil seiner Beiträge für A Different Life bereits eingespielt, bevor es zu der Entscheidung kam. Wir konnten also glücklicherweise bei der Produktion voll auf seine Arbeit zurückgreifen. Zugleich muss man festhalten, dass viele Themen des Albums aus Gesprächen und gemeinsamen Erfahrungen entstanden sind, also auch seine Einstellungen und Gedanken berühren. Auf absehbare Zeit können wir uns nicht vorstellen, einen Ersatz für Bernard zu finden. Die Messlatte liegt einfach zu hoch.

O: Frisch mit dabei ist Marquess an den Trommeln. Welche Neuerungen ergeben sich dank ihm für euren Sound?

TWn: Die größte Veränderung bringt der Drumeinsatz bisher bei den Konzerten. Das reale Schlagzeug addiert viel Leben, Dynamik und Groove zum elektronischen Soundinferno, sodass die Songs live mit einer ganz anderen Wucht daherkommen.

O: Felix feierte in den letzten Monaten enorme Erfolge mit Frozen Plasma. Inwieweit hat das Einfluss auf sein Mitwirken bei Diorama? Muss man befürchten, dass er der Band ebenfalls abhanden kommen könnte?

TWn: Felix und ich machen seit 1994 zusammen Musik. Wir denken gar nicht daran, damit aufzuhören, auch wenn durch unsere Aktivitäten in sonstigen Projekten organisatorische Herausforderungen entstehen.

O: Nun jedoch weg von den personellen Angelegenheiten und hin zur Musik. A Different Life ist eine auf den ersten Blick relativ sperrige Platte, die Zeit benötigt, ehe sie sich dem Hörer erschließt. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass eure typische Zurückgezogenheit verstärkt Wut und Enttäuschung gewichen ist. Dieses Gefühl scheint sämtliche Ebenen zu betreffen - Texte, Gesang, Musik. Was für Gedanken stecken dahinter, und was sagst du zu meiner Einschätzung?

TWn: Auch ich halte A Different Life für unser bisher wütendstes Album. Ihm liegt viel Hass gegenüber Politik, „Big Business" und Gesellschaft zugrunde, auch viel Unverständnis, mit welcher Raffgier, Rücksichtslosigkeit und Erwartungshaltung unser Leben in bestimmte Bahnen gepresst wird. Deswegen ist es nicht unbedingt ein politisches Album, sondern es geht eher um den persönlichen Status quo vor politischen und gesellschaftlichen Unerträglichkeiten, das Abgrenzen von ungeschriebenen Regeln, die Definition und Verteidigung der eigenen Position, die Rückbesinnung auf die eigene Stärke, die eigene Berechtigung. Was mich mein ganzes Leben begleitet, ist der letzte Satz aus Kafkas Tagebüchern: „Mehr als Trost ist: Auch Du hast Waffen."
 


O: Nicht allein der Sound, auch dein Gesang ist harscher und aggressiver geworden. Durch den variablen Gebrauch deiner Stimme vermittelst du noch intensiver als früher die jeweilige Atmosphäre der Lieder. Wie kam es zu dem Entschluss, deine Vocals vermehrt als zusätzliches „Instrument" zu nutzen?

TWn: Wir haben versucht, die musikalische Untermalung der Songs geradliniger, strukturierter zu gestalten als bei den letzten beiden regulären Alben. Dadurch ist Spielraum entstanden, die Stimme nicht nur als führendes Element einzusetzen, sondern auch als wandelbares Begleitinstrument. Zudem ist das eine Sache von Einflüssen. Von einigen Bands, die ich in letzter Zeit privat gehört habe (Tool, Porcupine Tree, Thom yorke, Amplifier), habe ich eine Menge Inspirationen für den Einsatz von Stimme bezogen.

O: Kein Mord ist wieder einmal der einzige deutsche Track auf der Scheibe. Wieso diese punktuelle Verwendung von deutschen Texten auf nahezu allen Platten? Verbindest du mit deinen deutschen Titeln, etwa Das Meer oder Unzerstört, ganz besondere Momente, sodass sie sich deshalb klar vom Rest des Materials abheben?

TWn: Mit den genannten Stücken verbinden mich tatsächlich ganz besondere Momente, das ist jedoch nicht der Grund für die Entscheidung, zu einer spezifischen Sprache zu greifen. Diese Entscheidungen passieren nicht bewusst. Es hängt davon ab, was mir in den Sinn kommt und was nicht. Dass sich auf den meisten Alben genau ein deutsches Stück einfindet, ist Zufall. Wenn auch ein Zufall mit Tradition.

O: Für viele steht der Name Diorama für den Willen eines Menschen, nicht zu stagnieren und stattdessen immerzu nach neuen Ausdruckswegen zu suchen und diese konsequent zu verfolgen. Zweifellos ist solch eine Einstellung künstlerisch bewundernswert, aber in der heutigen Musikbranche sicher nicht leicht durchzuhalten. Wie siehst du dieses Problem? Und wie gelingt es dir, dich der Maschinerie in dem Maße zu entziehen, dass du den Kopf für deine Kreativität frei behältst?

TWn: Es gibt vieles im Musikzirkus, mit dem ich mich nur schwer arrangieren kann, aber auf die Pitcairn Islands zu fliegen und dort den Kopf in den Sand zu stecken, hilft niemandem. In Burning Out geht es darum, für seine Kunst auszubrennen, ohne dass die Flammen irgendjemanden erreichen. Sozusagen alles zu geben und nichts zu erwarten. Diese Bereitschaft hatte ich von Anfang an.

O: Du hast zu Beginn unseres Gesprächs angedeutet, dass ihr eine Bühnendarbietung des aktuellen Materials plant. Dürfen wir uns demnach auf eine Diorama-Head- linertour im Herbst freuen?

TWn: Das stimmt, an einer Tour im Herbst arbeiten wir momentan mit Hochdruck. Diese wird uns vornehmlich quer durch Deutschland führen. Zusätzlich sind Konzerte in Spanien, Polen, Mexiko, Holland, Serbien, Russland und weiteren Ländern anberaumt. Und natürlich noch eine Reihe von Sommerfestivals.


interview: Kristina Logemann

foto: annie bertram


quelle magazin-Interview: orkus - juni 2007
 

orkus

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