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Orkus: Vor zehn Jahren war für dich wahrscheinlich noch nicht absehbar, dass du einmal da sein würdest, wo du heute bist. Dass sich wirklich die Chance bietet, Musik zum Mittelpunkt deines Lebens zu machen. Was waren damals deine Vorstellungen von der Zukunft?
Torben: Ich hatte damals keinen Plan von irgendetwas. Entgegen meiner unzügelbaren Leidenschaft für die Musik, erschien mir ein selbständiger musikalischer Werdegang immer unmöglich. Aber das Dilemma war, dass ich auf nichts anderes Bock hatte, und dass ich mich irgendwann dazu entschlossen hatte, die Identifikation mit der Welt zu kündigen. In dieser Situation gab es nur einen Ausweg: Zeit gewinnen. Also begann ich ein Studium, sozusagen als Rechtfertigung für den Lebensabschnitt, arbeitete als Barkeeper, um den Aufbau meines Tonstudios zu finanzieren, und entwickelte in der verbleibenden Zeit die ersten Diorama-Produktionen. Die Alternativen wären, so gesehen, vermutlich Gastronomie oder Karrierejob mit Schlips und Porsche gewesen. Noch vermutlicher aber gab es niemals eine wirkliche Alternative.
Orkus: Wie bist du dann letztendlich in diese Ecke geraten, in der du dich momentan befindest? Dass Musik dich seit jeher fasziniert hat, hast du gesagt und kann man sich ja auch denken. Aber wieso fühlst du dich dieser Szene verbunden?
twn: Ich war nie in einer Ecke festgefahren. Aber als alter Hörer von Front 242, Depeche Mode, Sisters, Nick Cave, Alphaville und so weiter habe ich meinen Musikgeschmack schon früh hier angesiedelt. Es ist folgerichtig, dass das einen Einfluss auf meine eigene kreative Ausrichtung hatte. Darüber hinaus bilden Melancholie und Distanz das Schlüsselelement sowohl in meiner Musik als auch in meiner Auffassung der meisten Dinge, was ich einerseits als subtile Verbindung mit einer Vielzahl von Menschen aus unserer Szene empfinde und was mich andererseits in irgendeiner anderen Szene nicht glücklich sein ließe. Denke ich. Ich habe das jedenfalls nie angezweifelt.
Orkus: Wenn du auf die letzte Dekade zurückschaust - welche Dinge würdest du für dich persönlich wie auch für Diorama als besonders bedeutend hervorheben?
twn: Meine privaten Meilensteine halten sich in Grenzen... Ich habe einige bescheuerte Jobs gehabt, zwei Beziehungen an die Wand fahren lassen und eigentlich immer nur nach Ruhe und Frieden gesucht, um meine Gedanken zusammenzuhalten. Letzten Endes steckt die Essenz doch in den Details, die gar nicht immer so bedeutsam sind. Für Diorama sind die herausragenden Ereignisse sicher unsere Konzerte, zuletzt die erste eigene Headlinertour und der Support von VNV Nation.
Orkus: Welchen Einfluss hat Zeit deiner Ansicht nach auf künstlerischen Output? Meinst du, man kann absolut losgelöst von Zeit arbeiten, oder finden die unterschiedlichsten Ausprägungen des Faktors „Zeit" - also Trends, man wird älter, mit der Zeit reift Musik, wenn man sie nicht veröffentlicht hat und so weiter - stets ihren Weg in den Entwicklungsprozess?
twn: Hmm... Manchmal wünsche ich mir schon die Schildkröte Kassiopeia (die die Zeit verändern konnte, aus dem Buch Momo — Anm.d.Verf.), um gemütlich hinterherzudackeln, weil die Zeit so verdammt schnell vorüberzieht. Aber alles, was wir sind und tun, ist nun einmal Raum und Zeit unterworfen. Insofern ist es bestenfalls ein nettes Gedankenspiel, solche Faktoren ausblenden zu wollen. Ich würde nicht die Zeit einen Faktor nennen, sondern vor allem die ausufernde Schnelllebigkeit, die dir keine Luft zum Atmen lässt und dir beständig warnend ins Ohr brüllt: „Beeil dich, sonst verpasst du was!" Den Entwicklungsprozessen in Persönlichkeit und Gesellschaft - was für mich mit Zeit selbst ebenfalls nichts zu tun hat, sondern mit inneren und äußeren Wechselwirkungen in unserer Eigenschaft als sehr komplexe individuelle und kollektive Lebewesen - kann man sich durch Ignoranz und Verweigerung vielleicht ein Stück weit entziehen, wenn man das für sinnvoll hält. Das Lossagen von Trends ist in diesem Zusammenhang gut nachvollziehbar. Andererseits halte ich es für fragwürdig narzisstisch, seinen Horizont auf die eigenen Werke zu beschränken. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Orkus: Um an das Release von Repale anzuknüpfen: Wurdest du in Bezug auf die aktuellen Fassungen der Pale-Songs häufig von Presse und Fans gefragt, ob du nun die angeblichen Fehler, die du damals gemacht haben sollst, ausbessern willst, oder musstest dir anhören, dass die Musik zum damaligen Zeitpunkt einfach noch nicht ausgereift genug gewesen sei?
twn: Die neuen Versionen der Pale-Stücke auf Repale sind doch so weit von den Originalen entfernt, dass sie bei den meisten nicht als Verbesserungsversuche angekommen sind, sondern vielmehr als neue Interpretationen. Mit solchen Theorien wurde ich also relativ selten konfrontiert.
Orkus: Wo wir gerade bei Veränderungen sind: Du hast inzwischen fünf Alben herausgebracht. Wie, glaubst du, hat sich die Szene in dieser Zeit gewandelt, und wie haben sich diese Veränderungen gegebenenfalls auf die Geschichte Dioramas niedergeschlagen?
twn: Ich kann zu solchen Fragen von Tendenzen und Entwicklungen innerhalb der Szene nicht viel beisteuern und habe auch den Diskussionsbedarf nie verstanden. Es hat doch jeder mitbekommen, was abgegangen ist.
Orkus: Auch Diorama hat sich im Laufe der Zeit verändert. Jetzt bist du nicht mehr auf dich alleine gestellt, sondern hast ein paar Verbündete um dich herum. Welchen Einfluss hatte die Entscheidung, von einer Ein-Mann-Formation zu einer Band zu wachsen, auf deine Musik? Zwar bist immer noch du Diorama, aber ich kann mir so gar nicht vorstellen, dass der Rest überhaupt nicht mitreden darf.
twn: Das kommt auf den jeweiligen Song beziehungsweise das jeweilige Album an. Klar bin ich nach wie vor für den Großteil der Vorstellungen verantwortlich. Es gab aber immer wieder Phasen, wo wir intensiv als Band zusammengearbeitet haben. Die Entstehungszeit von The Art Of Creating Confusing Spirits ist beispielsweise von gemeinsamen Sessions geprägt, bei denen Songs wie Staring und Forgotten aus Improvisationen hervorgingen, die durchaus auch auf den Ansätzen der anderen Mitglieder basierten. An der technischen Umsetzung der Produktionen ist Felix seit Jahren maßgeblich beteiligt. Da sind wir ein eingespieltes Team. Darüber hinaus steuern alle das bei, was Zeit und Ideen hergeben. Das ist keine Frage der Kompetenzverteilung. Dadurch verändert sich natürlich die Gestaltung der Songs in den entsprechenden instrumentalen Bereichen. Im Bassbereich haben wir zum Beispiel erst durch die Einbindung von Bernards Beiträgen angefangen, mit komplexen Strukturen und Läufen zu arbeiten.
Orkus: Ist für euch oder dich bereits abzusehen, was mit Felix passiert, wenn Frozen Plasma einen erfolgreichen Einstand haben wird? Muss man dann mit personellen Veränderungen rechnen?
twn: Felix wird vermutlich von einer Horde Aliens gekidnappt, und es werden komische Experimente an ihm durchgeführt. Nein, im Ernst, zunächst freuen wir uns alle, wenn das Projekt gut angenommen wird. Felix und Vasi (Vallis, Ex-NamNamBulu - Anm.d.Verf.) arbeiten hart genug an den Produktionen. Die Prioritäten, und da spreche ich für uns alle, sind jedoch eindeutig zugeordnet. Daher sind keine Veränderungen des Line-Ups zu befürchten.
Orkus: Zum Abschluss wollen wir nach den vielen Vergangenheits- und Gegenwartsfragen noch einmal in die Zukunft blicken: Wo siehst du dich und Diorama in zehn Jahren?
twn: Ich hoffe, wir sitzen irgendwo gemeinsam bei einer ordentlichen Flasche Wein und verstehen Musik immer noch als das, was das Leben lebenswert macht.
interview: Kristina Logemann & diorama [torben wendt]
foto: silke jochum
quelle magazin-interview: orkus - sonderausgabe mai 2006
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