und die Kunst der flatternden Geister

Mit einer gewissen Beschämung erinnere ich mich meiner Rezension des Diorama-Debüts „Pale". „wie hei Diary Of Dreams" habe ich damals geschrieben: „Deren Anhänger können bedenkenlos zugreifen & sich die CD zu den anderen DOD-Alben stellen, sofern sie nicht davon ausgehen, daß Doubles grundsätzlich immer überflüssig sind". Harte Worte, zugegeben. Spätestens bei Erscheinen des zweiten Albums („Her Liquid Arms", 2001) sah ich mich zu neuen Einsichten gezwungen. Seit dem 18. Oktober 2002 steht nun das dritte Diorama-Album in den Läden: „The Art Of Creating Confusing Spirits". Torben Wendt - Komponist, Texter, Sänger, Keyboarder, Pianist & Percussionist in Personalunion - hilft beim Versuch, die Kunst zu entwirren.

Gleichsam in chronologischer Reihenfolge, & um das unangenehme Thema gleich hinter uns zu bringen, gilt die erste Frage dem Vergleich mit „den großen Verwandten" Diary Of Dreams". Wie reagiert Torben auf den Vergleich? Kurz, vielleicht berechtigt etwas unwillig, & knapp: „Um ehrlich zu sein, mir ist das Thema gar nicht so wichtig. Wer unsere musikalische Eigenständigkeit nicht (an)erkennen will, der soll es lassen." Punkt. Wer ist für das Schaffen von Diorama verantwortlich? „Kompositionen und Texte gehen nach wie vor hauptsächlich auf meine Kappe", erzählt Torben, „wobei wir bei unseren Bandproben den Songs meist gemeinsam ihren speziellen Charakter verleihen. Wir ergänzen uns da sehr gut." Wir, das sind neben Torben aktuell Felix Marc (Keyboards, Programmierung, Arrangements, Gesang) & Bernard le Sigue (Baß, Gesang); produziert wurde das neue Album von Torben & Felix. Um zunächst bei den trockenen Fakten zu bleiben: Werden Diorama -wie zuletzt mit „Device" - eine Single veröffentlichen? „Das weiß ich noch nicht. Wir sind erst mal froh, das Album fertig zu haben und damit auf Tour gehen zu dürfen. Alles weitere müssen wir dann beschließen, wenn wir nach der Tour wieder Luft haben. Vielleicht machen wir als Nachfolgesingle auch ein ganz neues Stück." Zunächst werden Diorama also - gemeinsam mit Diary Of Dreams - von Mitte November bis Anfang Dezember auf der Bühne stehen, um „The Art Of Creating Confusing Spirits" dem Publikum vorzustellen. Falls eine Single erscheinen sollte - reizt die Produktion eines Videos? „Wir haben auf jeden Fall Lust, bald mal ein Video aufzunehmen und sind dabei, mit einem befreundeten Regisseur an der Realisierung zu arbeiten. Wenn das an irgend etwas scheitert, dann an der fehlenden Knete. Ein unfreiwillig komisches low-budget Video wollen wir nicht unbedingt machen." Das ist nachvollziehbar; ein schlicht gestricktes Video würde nicht zu den Bilder beschwörenden Diorama-Songs passen. Die Inspirationen zu den traumbildartigen Songs sind vielfältig. „Ich stelle fest," reflektiert Torben, „daß in Zeiten, in denen ich besonders intensiv lebe, viel berauscht bin oder mich selbst in komplizierte Situationen manövriere, der Drang besonders stark ist, das Erlebte und Gedachte musikalisch umzusetzen. Außerdem ziehe ich viele Ideen und Bilder aus der Natur und aus Reisen. Meine Hauptinspirationen und zugleich Veranlassungen, Musik zu machen, liegen in meiner Psyche und in meinem direkten Umfeld. Das Gefühl, inmitten einer größeren heiteren Runde zu sitzen und sich dabei unendlich einsam zu fühlen, wenn Worte auf einen hereinprasseln und lachende Gesichter fortwährend das eigene ehrliche Lächeln zersägen, so daß man laut schreien, davonlaufen oder zum gewissenlosen Mörder werden möchte, und sich unendlich nach etwas sehnt, das man nicht in Worte fassen kann. Darum geht es. Woher kommt dieses Gefühl und was ist es, wonach man sich so sehr sehnt, daß man sich innerlich zerreißt?" Dementsprechend fällt Torben schwer, etwas zu den Songs des Albums zu erzählen. „Mir selbst fällt es schwer, die Bedeutungen einzelner Songs zu entschlüsseln oder zu interpretieren. Diesmal sind viele kryptische, fragmentartige Textpassagen dabei, die irgendwo aus der Tiefe des Unterbewußtseins stammen, darüber kann ich nicht einfach berichten wie über ein spannendes Fußballspiel. Im Grunde will ich das auch gar nicht. Die Musik soll für sich selbst sprechen und jeder soll seinen eigenen kleinen Film damit erleben." Ein paar einzelnen Songs jedoch haben konkrete Hintergründe. ,,'Howland Road' ist eine Straße in Toronto, in der ich ein halbes Jahr gewohnt habe. Mein Kanada-Aufenthalt hat mir die Möglichkeit gegeben, mein Innenleben irgendwie zu rebooten und nach einer sehr hektischen Lebensphase wieder Ruhe und Zeit zu finden. In dieser Abgeschiedenheit und Entspanntheit sind Texte und Songansätze entstanden, in denen viele verdrängte Gefühle und Erinnerungen stecken. Zu sehr kann ich aber nicht ins Detail gehen. Es gibt Dinge, die kann man nicht aussprechen. - Der Song "Last Minute" ist buchstäblich in letzter Minute entstanden, und zwar in der Nacht vor unserem Mastering-Termin. Irgendwie hat es mich überkommen, und die seltsame Mischung aus zurückliegendem Streß, bewältigten technischen Problemen und etwas Unbekanntem Bevorstehenden mußte raus. Wenn man sich den Song anhört, erhält man einen ziemlich genauen Eindruck, wie es mir in dieser Nacht ging. "Staring" ist der erste Song in der neuen Bandbesetzung gewesen, auf der ersten Bandprobe mit neuem Bassist entstanden. Den trippigen Grundsound haben wir wohl ihm zu verdanken."
Sieht Torben die Musik von Diorama in einer bestimmten Tradition? „Ich glaube, es ist besser, wenn unser Schaffen keine feste Tradition hat. Darüber können wir in 20 Jahren ja noch mal sprechen. Momentan genießen wir die Freiheit, musikalisch keinen Grenzen zu unterliegen." Lohnt sich angesichts dessen die Frage nach Vorbildern? „Meine Vorbilder sind Menschen, die ihr Leben ohne Rücksicht auf Verluste ganz ihrer Kunst widmen oder gewidmet haben." Das illustrieren die Zeilen zu Anfang & Ende von „Forgotten": „In diesen Tagen rasender Trunkenheit und verbrecherischer Melancholie sind einige Verse entstanden" -woher stammen diese Samples? „Von einem Hörbuch mit Lesungen aus Briefen und Gedichten von Georg Trakl. Bei den Textfragmenten handelt es sich um einen Brief Trakls an einen Freund. Wir haben uns für diese Passagen entschieden, weil wir uns mit dem Suchtproblem Trakls dahingehend identifizieren können." Soviel zu meiner Frage zu den Texten, welche die auf der Diorama-Homepage dokumentiert sind. Mehr als einmal tauchen in sonst englischsprachigen Texten deutschsprachige Zeilen auf, wie etwa in „Howland Road". Was reizt an der Verflechtung beider Sprachen? „Solche Vermischungen finde ich schon allein deswegen gut, weil damit Grenzen überschritten werden, die vielleicht nicht so stringent gezogen werden sollten. Da wir die meisten Stücke auf englisch singen, ist es ganz angenehm, auch mal in seine Muttersprache abdriften zu können. Bei manchen Textzeilen ist es interessant, wie ihre Wirkung divergiert, sobald sich die Sprache ändert, auch wenn der Sinn derselbe bleibt, einfach aufgrund des unterschiedlichen Wortklanges. Generell experimentieren wir gerne mit Sprache beziehungsweise Sprachen und möchten in Zukunft auch wieder mehr deutsch ins Spiel bringen." Das ist ja zum Beispiel auf dem Vorgängeralbum mit dem großartigen „Das Meer" geschehen; mit „Klarheit" findet sich ein in deutscher Sprache vorgetragenes Lied auch auf „The Art Of...".Welche Bedeutung hat der Albumtitel?
In welchem Zusammenhang steht er zu den auf dem Album enthaltenen Songs?
„Die einzelnen Songs haben die Gemeinsamkeit, daß sie der Dankbarkeit entsprungen sind, durch die Musik ein Stück tatsächliche Freiheit und tief empfundenes Glück zu spüren. Der Albumtitel beinhaltet unsere Auffassung von Musik und charakterisiert das letzte Jahr unseres musikalischen Schaffens. Das faszinierende am Musikmachen ist für mich, daß man etwas erzeugt, dessen Wirkung einen selbst übermannen kann. Die Töne, die man da aneinanderreiht, geraten außer Kontrolle und man bekommt soviel mehr zurück als nur ein hörbares Ergebnis. Man bekommt die Möglichkeit, sich selbst zu überraschen und zu therapieren. Die Musik übersteigt unseren Horizont. Wir haben uns gerne das Bild von flatternden Geistern vorgestellt, die um einen herumschwirren, sobald man einen inspirativen Moment nutzt und in der Musik, die man mag, aufgeht." In dieser Musik aufzugehen, sollte auch den Hörerinnen möglich sein. Überlaßt Euch den flatternden Geistern.


interview: R. Laudert & diorama [torben wendt]

foto: silke jochum

quelle magazin-interview: sonic seducer - november 2002
 

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