Die Nähe zu sich selbst

Diorama zählt schon seit Gründung im Jahr 1996 zu den wichtigsten Elektro-Bands der Welt Spätestens das 2. Album „Her Liquid Arms" hat mit der Club-Single „Device" gezeigt, das man mit Torben Wendt noch sehr lange rechnen kann. Die immer wieder- kehrende Frische den Songs und die stetig wachsenden Songideen verleihen Diorama einen sehr hohen künstlerischen Anspruch, der seines gleichen sucht Mit den neuen Songs „Screenface", „Protected World" und „No Tears" beweist Diorama, dass das 6. Studioalbum große Chancen darauf hat, das bisher Beste zu werden.

Anders wie es kommerzielle Hörer erwarten würden, startet das sechste Studioalbum „A different life" mit „Screenface", einem eher sehr experimentellen Song, aus musikalischer Sicht wohl zu den besten gehört, was Du je geschrieben hast. Wie kam das Tracklist zustande?
 

„Screenface" ist ein wichtiger thematischer Ausgangspunkt für „A different life". Es geht um den Verlust von mentaler Energie, wenn man an den Großteil seines Lebens in Computern und an Bildschirmen stattfinden lässt. „Screenface" schielt gleichzeitig auf den schizophrenen Moment, wo man sich besser auf einem Bildschirm wiedererkennt oder erkennen will, als man sich im realen Leben verankert fühlt. Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der künstliche Ersatzbefriedigungen immer besser darin werden, unsere eigentlichen Bedürfnisse zu übertünchen, in der es reicht, eine Situation virtuellzu erleben, um daraus Gefühle zu generieren, in der kommuniziert wird ohne eine Verbindung aufzubauen, und in der hinter endlosen Fassaden aus Beton und Glas Armeen von Büromenschen sitzen, die nichts anderes tun, als in Bildschirme zu starren als läge dort eine Art Wahrheit, der es sich unterzuordnen gilt. Ich finde das Thema der technokratischen Entwicklung und ihres Einflusses auf die Menschen verstörend, genau wie die Tatsache, dass ich als
„Electro"-Künstler konstant mein Innenleben einer Maschine anvertraue, weswegen wahrscheinlich auch der Song so sperrig geworden ist, wie ein Protest.

micha: Veränderungen standen Dir schon immer sehr gut und auch das neue Album hat wieder einiges an Weiterentwicklungen vorzuweisen. Wohin wird Dich die Musik bringen?

torben: Ich denke, ich werde mich in Zukunft wahrscheinlich diversifizieren müssen, um sämtliche Richtungen denen ich kreativ arbeiten möchte, abzudecken.

m: Vor allem gesanglich hast Du „noch ne Schübbe oben drauf" gelegt. Wie kommen diese Melodien und die experimentellen Phasen wie in „Definition Power" zu Stande?

twn: Viele der experimentelleren Gesangspassagen kommen tatsächlich durch Ausprobieren zustande. Immer häufiger setzen wir dabei Stimme wie ein Instrument ein, das sich in den akustischen Hintergrund einfügt und die eigentliche Hauptstimme begleitet.

m: Sobald man die CD einlegt spürt man sofort diese besondere Atmosphäre, die sich durch all Deine Alben zieht. Wie hat sich Dein Gefühl dafür in den Jahren entwickelt?

twn: Ich freue mich immer, wenn ich solche Kommentare lese, denn darin zeigt sich, dass die Essenz der Musik losgelöst von stilistischen Entwicklungen leben und beständig sein kann. Für mich ist es schon immer viel mehr um die Entfaltung von Atmosphäre und einem emotionalen Sog in der Musik gegangen, ab um die Frage welche stilistischen Transportmittel man sich dafür zurechtlegt, welcher Gattung man sich zurechnet. Daraus entstehen nur Verpflichtungen, die Gegner von Kreativität.

m: Die erste Single „Synthesize me" steht seinen Vorgängern in nichts nach, wenngleich die Stärke von Diorama eher in tiefergehenden, ruhigeren Nummern liegt. Ist „Synthesize Me" ein Pflichtsong oder Passion?

twn: Wie gesagt, Verpflichtung und Kalkuliertheit führen dazu, dass Musik für mich ihren Sinn verliert. Ich finde auch nicht, dass Songs zwangsweise ruhig sein müssen, um tiefgründige Gedanken zu vermitteln. „synthesize me" ist eine der tiefgehendsten und schonungslosesten Nummern, die ich je verfasst habe. Und mich haben ganz sicher andere Bedürfnisse zu dem Song animiert, als der Ausblick, eine treibende Nummer zu haben, auf die man tanzen kann.

m: Mit einer treibenden Kraft ist „Protected World" ausgestattet. Der Song glänzt und bezaubert zu gleich. Die verwendeten Sounds erzeugen eine unnachahmliche Stimmung und vereinen sich mit den Vocals. Wie sieht der perfekte Song für Dich aus?

twn: Ich persönlich glaube nicht an ein Rezept für den perfekten Song... vielleicht ist Perfektion in der Musik tatsächlich nichts anderes als Unnachahmlichkeit.
Natürlich kann man einzelne Kriterien herauspicken und analysieren, es gibt Studienfächer und Seminare, deren Teilnehmer sich ausschließlich mit der Frage befassen, mit welchen Strukturen und Elementen Popmusik am besten bzw. erfolgreichsten funktioniert. Letztendlich tun diese Leute jedoch nichts, als in die Vergangenheit zu blicken und aus bewährten Modellen Gesetze zu entwickeln. Darin steckt viel Stillstand, wenig Innovationsfreude. Einige meiner Lieblingssongs haben jedenfalls weder eine eingängige Struktur noch ein Alleinstellungsmerkmal, noch etwas greifbares gemeinsam, und sind trotzdem meiner Meinung nach perfekt, d.h. ich würde es unter Todesstrafe stellen, auch nur das kleinste Detail des Songs zu verändern.

m: Du hast mit den anderen Bandmitgliedern die Alpen und die Nordsee besucht, um neu inspiriert zu werden. Inwieweit hat dieser Aufenthalt das Album geprägt und Deine Sichtweise verändert?

twn: Zum Thema „modern times" haben wir in den österreichischen Alpen eindrückliche Erfahrungen gemacht. Die meisten Menschen dort, vor allem natürlich in den kleineren Dörfern, sind nicht von Microsoft, Myspace, Junk TV und Dauerwerbeberieselung verseucht und leben trotzdem nicht hinter dem Mond.
Die Uhren ticken langsamer in den Bergen und Du hast das Gefühl, dass sie endlich richtig gehen. Wenn Du nachts von oben herab in ein verschneites Tal blickst und um dich herum absolute Stille herrscht kannst du dir z.B. kaum vorstellen, dass sich irgendwo anders auf der Welt gerade 1000 Menschen in einem dröhnenden Techno-Schuppen betrinken und danach trachten, mittels Tanz und anderen Ritualen irgendwie einen Fick klarzumachen. Die Ruhe, die in der Luft liegt, das Gefühl nichts zu verpassen, die starke Nähe zu sich selbst und zur Natur, das hatte schon einen Einfluss auf die Musik. Der Song „colder" bringt das sicher am offensichtlichsten zum Ausdruck. Aber auch in die Gedanken hinter anderen Tracks sind die unterschiedlichen Naturerfahrungen eingeflossen, z.B. in den geschützten Mikrokosmos von „protected world" oder den Wunsch nach einem Reboot, einem Neuanfang wie in „synthesize me" oder „the rational anthem".

m: Wie auch schon in der Vergangenheit ist auch das Artwork des Albums und die neuen Pressefotos wieder sehr anspruchsvoll. Ist das unabdingbar für Dich?

twn: Für mich gehört das nach wie vor irgendwie zusammen, akustische und optische Umsetzung. Im Rahmen meiner Vorstellungskraft, die im bildlichen Bereich eher dürftig ist, versuche ich schon, durch Grafik und Fotos die Thematik der Musik in einem anderen Licht zu zeigen und die Musik angemessen zu präsentieren.


interview: micha l. & diorama [Torben Wendt]

foto: annie bertram

quelle magazin-Interview: synthetics - april 2007
 

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