kill me once again

synthetics: Herzlichen Glückwunsch zu diesem sehr besonderen Album. Wann war Dir bewusst, dass das neue Album so ein Knaller wird?

torben: Daran, dass bei 'Amaroid' Selbstverwirklichung und künstlerische Freiheit großgeschrieben stehen würde, bestand von Anfang an kein Zweifel. Ich bin mit dem unbändigen Drang, ein intensives, persönliches und kompromissloses Album zu verfassen, an den Start gegangen, der mich über den gesamten Produktionszeitraum nicht losgelassen hat. Das Erfolgspotential hat mich dabei nicht sonderlich interessiert, da ich nie darauf hinarbeite, einen Knaller zu landen. Die externe Meinung, auf die 'Amaroid' getroffen ist, fiel in der Tat größtenteils sehr euphorisch aus, vielleicht weil das Album kein Einheitsbrei ist, sondern Ecken, Kanten und einen lebendigen Charakter besitzt, vielleicht weil die Songs hochintegrativ sind, vielleicht weil der Tentakelkopf auf dem Cover fett rüberkommt... Wie auch immer, ich freue mich, dass es so gut angenommen wird und viele Menschen etwas Wichtiges für sich darin entdecken können.

synthetics: "Amaroid" heißt das 4 Diorama Album. In Welchem Bezug steht der Albumtitel zu den Songs auf diesem Longplayer?

twn: Alle Songs stehen in dem Kontext einer rückwärts gewandten Gedankenfahrt, einer Reise in die Untiefen des eigenen Ich, in das unendliche innere Vakuum. Verschiedene Eindrücke dieser Reise werden in verschiedener Weise verarbeitet, umgesetzt und ausgedrückt, was jedem Song wiederum seinen eigenen Mikro­kosmos verleiht. Alle haben aber dasselbe Ziel: Erschließung von Leere.

synthetics: 13 neue, sehr beeindruckende Songs sind zu hören. Das ist ne ganze Menge. Hast Du noch mehr Songs geschrieben, aus denen Du die 13 vorliegenden auswählen konntest?

twn: Ja. Ungefähr 25 Songs lagen insgesamt in Layout-Versionen) vor. Die Auswahl fiel uns nicht leicht, ich lasse ungern einen Song, mit dem ich viel Zeit und Mühe verbracht habe, der mir etwas bedeutet, in den Gedärmen meiner Festplatte verrotten. Die Spielzeit einer CD ist jedoch leider auf 74 Minuten begrenzt und eine Doppel-CD wollten wir noch nicht in Angriff nehmen. Bedauerlich war insbesondere, eine Reihe temporeicherer Songs, die im Club durchaus funktioniert hätten, außen vorlassen zu müssen, weil sie den Gesamteindruck der Platte verzerrt hätten. Die 13 vorliegenden Stücke zeichnen sich dadurch aus, dass sie uns zum gegebenen Zeitpunkt am meisten gekickt haben und der oben beschriebenen Gedankenfahrt am funktionalsten gerecht werden.

synthetics: Dein neues Album ist deshalb so besonders, weil es eben nicht nur 2 gute Songs hat, sondern von vorne bis hinten sehr genial produziert wurde. "Champagne for all", "Dear Brother", "Unzerstört" und "Friends we used to know" (um nur einige zu nennen) sind einfach perfekte Songs. Wie macht man so was?

twn: Das Patentrezept für einen perfekten oder sagen wir gelungenen Song gibt es meiner Meinung nach nicht. Die Songs entwickeln ihre Eigendynamik und für mich ist es eher ein Glücksfall als ein beeinflussbarer Vorgang, wenn ich in einem bestimmten Moment die richtige Welle erwische. Generell liegt mir/ uns die Gesamtwirkung eines Albums am Herzen. Demgegenüber liegt uns fern, eine Compilation aus 2-3 Hits und einer zähen, grauen, undiffenzierbaren Füllmenge abzuliefern.

synthetics: Wenn man eine geniale Drum-Sequenz wie die von "Friends we ..." programmiert, wie schafft man es dann, das der ganze Rest des Songs genauso perfekt weiterläuft? Oder was war das 1. Element dieses Songs?

twn: Es war Felix, der mit der Idee für das Drum-Arrangement ins Studio eilte und in relativ kurzer Zeit das rhythmische Grund­gerüst des Songs entwickelte. Die restlichen Bestandteile des Songs ergossen sich nach und nach wie ein flüssiger Inhalt in diese Schablone und wenn ich mich recht entsinne, war das Stück binnen zwei bis drei Tagen fertig im Kasten.

synthetics: Alle Songs des Albums tragen die eigene Handschrift von Diorama. Aber Du hast Dich diesmal eher weit vom Üblichen ent­fernt. Hast strange Sounds verwendet und bist eher noch ruhiger geworden. Wie kommt das?

twn: In den Aspekten Stimmung und Aussagekraft sehe ich in 'Amaroid' eine gewisse Rückbesinnung auf die spätpubertäre depres­sive Charakteristik von 'Pale', in gereifter Form versteht sich. Die musikalische Untermalung und insbesondere der Soundeinsatz beruht maßgeblich auf den Geräten und Instrumenten, die zur Verfügung stehen und auf einer vagen Vorstellung des ange­strebten Ergebnisses. Sobald ich eine gewisse Ahnung von letz­terem bekomme, lasse ich den Dingen relativ konzeptlos ihren Lauf und bin teilweise von den Ergebnissen selbst überrascht. Wenn ich mir z.B. heute eine Nummer wie 'two boats' anhöre, kann ich die nicht sagen, wo zur Hölle das Stück herkommt und wie es seine Form angenommen hat.

synthetics: Die meisten Bands sind heute nur noch auf Club-Plays aus. Deine Songs sind auf den 2. Blick auch sehr club-tauglich, aber vielmehr was für den ganzen Tag, als nur für 2 Abende die Woche. Wie siehst Du das?

twn: Das sehe ich genauso. Einige Songs des neuen Albums halte ich durchaus für tanzbar, auch wenn es sich nicht um klassische progressive Clubnummern handelt. Clubtauglichkeit vermeide ich nicht bewußt, sie stellt jedoch keine Maxime dar, die mich in irgendeiner Form unter Druck setzt.

synthetics: Neben den tollen Sounds und Strukturen sind auch die Gesangsmelodien einzigartig. "Amaroid" läuft sehr rund und das ist nur 1 Grund dafür, dass man es sehr lange und dann immer mal wieder hören wird. Gibt es doch Dinge für die Ewigkeit?

twn: Ich bin gerade dabei, das Stephan Hawkins Buch 'Universum in der Nussschale zu lesen bzw. ansatzweise zu verstehen. Laut ihm besteht nach gegenwärtigem wissenschaftlichen Stand das Ende des Universums in der Erkaltung und der Erosion sämtlicher Materie, in weiß der Fuchs wie vielen Milliarden Jahren. Ich bezweifle, dass dann noch irgendein Wesen vorhanden ist, das einen Groschen auf Musik zu geben in der Lage sein wird. Abgesehen davon halte ich unseren Sound nicht für kurzlebig und trendorientiert. Entgegen der unerträglichen aktuellen Chartmusik hoffe ich, wohlgemerkt in Miniaturform, eher in den Pfaden von Pink Floyd, David Bowie oder Leonhard Cohen zu wandeln, deren Werke auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Relevanz und Hörfreude eingebüßt haben.

synthetics: Etwas länger als 2 Jahre gab es nichts neues von Dir zu hören. Was hast Du in der Zeit gemacht? 

twn: Gelebt. Geliebt. Gelitten. Entliebt. Bemitleidet... Nein im Ernst, ich habe die Zeit genutzt, um mein Studium zu beenden, habe ein halbes Jahr in Spanien verbracht und sehr viel Zeit für die Produktion von 'Amaroid' und das Großziehen eines Hundewelpen aufgewendet.

synthetics: Zur Zeit seit ihr mit VNV Nation als Support unterwegs. Glaubst Du, dass das Deinen Bekanntheitsgrad erheblich ver­bessern wird?

twn: Sicher, wobei die Erhöhung des Bekanntheitsgrades nur die halbe Miete ist. Bandah aceh und Co. dürften die Bekanntheit von Tsunamis enorm gesteigert haben, damit anfangen können trotzdem die wenigsten etwas. Mein vorrangiges Anliegen ist es, unser Bild in der Öffentlichkeit gerade zu rücken und durch die Konfrontation mit unserem Sound möglichst viele Vorurteile abzubauen, die sich immer noch gegenüber uns im Umlauf befinden und mich ärgern, weil sie schlicht falsch oder unreflektiertes Nachgebabbel sind. Letztendlich würde es mich freuen, durch die Konzerte den Kreis der Menschen, die wir erreichen, zu vergrößern. Dass unser Name im Gespräch und auf allen mög­lichen Plakaten abgedruckt ist, lässt mich ziemlich kalt.

synthetics: Wann wird Diorama mal in solchen Hallen als Headliner spielen?

twn: Im Frühjahr 2023. Naja, nach Beendigung der Tour und der im Idealfall damit einhergegangenen von dir angesprochenen aus­geweiteten Popularität, sowie nach unserem nächsten Release, einer Art Best-Of-Remix-Scbeibe diesen Herbst, kann ich mir gut vorstellen, dass wir uns in eine Liga gespielt haben wer­den, wo solche Veranstaltungsorte für uns nicht mehr uner­reichbar sind. Es bleibt aber dabei, und muss es bleiben: Wir machen den Sound, die anderen booken uns. Auf die 'Zunei­gung' der Veranstalter besteht von Künstlerseite her ein sehr begrenzter Einfluss. Bestes Beispiel ist das diesjährige M'era Luna, deren Organisateure trotz mindestens zwei Releases, einer Europatour mit VNV Nation, mehrerer Einzelshows und einem deutlichen Publikumsinteresse keinen Sinn in einem Diorama-Auftritt erkennen und stattdessen lieber fünfstellige Euro-Beträge für diverse Museumspräparate ausgeben. (lach)


interview: micha l. & diorama [torben wendt]

foto: silke jochum
 

quelle magazin-interview: Synthetics no. 63 - mai/juni 2005
 

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