zillo november 2005
interview diorama - neue kamellen

diorama


Torben Wendt hat sich die Spendierhosen übergestreift: In der linken Tasche die Wiederveröffentlichung des Debütalbums „Pale" — digital überarbeitet und mit Bonustracks. In der rechten „repale", eine CD voller Remixe, neuer Songs und alter — bisher unveröffentlichter — Juwelen. Kurz vor Jahresende verteilen Wendt und seine Kollegen großzügig Diorama-Bonbons. Die Fans können sich freuen!

Zillo: Euer letztes Album „amaroid" ist nun knapp ein halbes Jahr auf dem Markt. Wie zufrieden bist du mit den Resonanzen? Haben sich die doch erheblichen Mühen bei der Produktion diesbezüglich gelohnt?

Torben: Es lohnt sich immer. So musst du das sehen. Sonst kommen die grauen Herren, klopfen an deine Schläfen und mahnen dich zu bürgerlicher Vernunft und betriebswirtschaftlicher Einkehr. Sicher ließe sich ein Album auch mit weniger Aufwand realisieren, aber das scheint nicht in unser Verhaltensmuster zu passen. Wir müssen herumfrickeln und kompliziert denken.

Zillo: Weshalb werden „Pale" und „repale" zwar an ein und demselben Tag, jedoch als separate CDs veröffentlicht? Hätte es hier nicht die Möglichkeit gegeben, das Doppelalbum als Format zu wählen?

Twn: Wir hatten uns das überlegt. Der ausschlaggebende Grund gegen ein Doppelalbum war die Tatsache, dass wir jemandem, der die Originalversion des Albums „Pale" bereits besitzt, den erneuten Kauf sozusagen nicht aufzwingen wollten. Und bei einer Doppel-CD und gleichzeitigen separaten Veröffentlichungen wären wir durcheinander gekommen.

Zillo: Man verbindet oft mit bestimmten Zeitabschnitten konkrete Ereignisse oder Erfahrungen. Was fällt dir spontan ein, wenn du an die Arbeiten zu „Pale" vor ca. sechs Jahren zurückdenkst?

Twn: Zigaretten. Ich habe gequalmt wie ein Schlot. Außerdem erinnere ich mich, dass ich von früh bis spät gekellnert und in der Küche gearbeitet habe, um das Musikmachen - und die Zigaretten natürlich - zu finanzieren. Zur tatsächlichen Produktionsarbeit fallen mir auch die gemeinsamen Sessions mit Adrian Hates ein, bei denen so ganz nebenher eine tiefe Freundschaft entstanden ist. Die meisten „Pale"-Songs stammen jedoch aus noch früheren Tagen, so um 1993 bis 1994 herum. Wie kann man diese Phase beschreiben? Teenage-Depression zwischen der ersten Levi's und dem ersten Cannabisrausch? Entfremdung von der Gesellschaft bzw. die Vorahnung, dass es niemals gelingen würde, einen erfüllenden Platz in der sich vor dir ausbreitenden Welt zu finden? Eine schleichende Flucht in die Musik?

Zillo: Als sehr sympathisch empfinde ich die Tatsache, dass du für die Remixe auf „repale" nicht die hinlänglich bekannten großen Namen, sondern z.B. mit Klangstabil anspruchsvolle aber eher unbekannte Künstler engagiert hast. Gerade im Falle von „Il Bacio Della Reali-zzazione" (Im Original: „Kiss Of Knowledge", Anm. d. Verf.) ist das Ergebnis hervorragend!

Twn: Es freut mich sehr, dass du das so siehst. Bei der Auswahl standen ausschließlich meine bzw. unsere persönlichen Vorlieben im Vordergrund.
Ich bin niemand, der leichtfertig und ohne Vertrauen seine Arbeiten aus der Hand gibt, um Name-dropping zu betreiben. Schließlich stehen wir ja auch in der Verantwortung für einen bestimmten Sound. Mit Boris und Maurizio von Klangstabil verbindet uns eine jahrelange, auch auf künstlerischer Ebene stattfindende Freundschaft, und wir sind große Bewunderer ihrer bisherigen Arbeit. Eine herausragende Band.

Zillo: Ehrlich gesagt hat mir der Remix von „Friends We Used To Know", den Vasi Vallis angefertigt hat, anfangs arge Probleme bereitet. Diese Sounds, diese Sequenzen - das alles hat man schon tausend Mal gehört. So klangen VNV Nation vor fünf Jahren. Trotzdem - die Version kickt irgendwann einfach. Wie war deine erste Reaktion auf diesen Mix, gab es zuerst ähnliche Vorbehalte?

Twn: Diese Version ist wahrscheinlich der einzige Track auf dem Album im Sinne eines klassischen Remixes. So muss man den Song verstehen und annehmen, dann kann man ihn auch in seiner trivialen Effektivität einfach genießen. Diesen Prozess musste ich zunächst auch durchmachen.

Zillo: Ein Song wie „The Rich Are All Perver-ted" zeigt Diorama von einer ungewohnt harten Seite. Die Einflüsse aus Dance/Techno lassen die Nummer hervorstechen. Gibt dir ein Projekt wie „repale" die Möglichkeit, etwas zu experimentieren, oder könntest du dir vorstellen, ein Lied wie dieses auch auf einem regulären Album zu veröffentlichen?

Twn: Dieses Lied ist während der Produktionsphase des Albums „amaroid" entstanden, passte jedoch augenscheinlich nicht in den Gesamteindruck des regulären Werkes. Mit dem Konzept hinter „repale" wollten wir uns die Freiheit nehmen, auch so einen für uns unkonventionellen und sperrigen Track zu veröffentlichen, weil wir ihn für ausdrucksstark und energiereich halten. Ich kann nicht oft genug betonen: Wer ein reguläres Diorama-Album erwartet und alles andere nicht gelten lassen will, soll sich „repale" nicht kaufen!


interview: Jan Deckard & torben wendt

foto: silke jochum

quelle magazin-interview: zillo - november 2005 

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