computer im schnee

Alben der Band Diorama sind kleine Spektakel, da macht auch die neue Platte „A different life" keine Ausnahme. Es gibt unendlich viel zu entdecken - sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Das Projekt um den sympathischen Sänger Torben Wendt leistet sich die Freiheit der stilistischen Unabhängigkeit und gehört dadurch zu den wenigen Formationen, die ernst zu nehmende Hörmusik machen.

Zillo: Mein erster Gedanke zum Opener „Screenface" war der, dass du - ähnlich wie Jack Nicholson in „The Shining" - in eine Art kontemplative Gedankenschleife geraten bist. Nur, dass du eben nicht in einem eingeschneiten Hotel vor einer Schreibmaschine gesessen und den Reim „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen" zig hunderte Male getippt hast. Scheinbar stand vor dir ein Bildschirm. Aber was ging in deinem Kopf vor?

Torben: Es geht um eine Art Verschmelzungsprozess mit den Instrumenten und Maschinen, die man lange und intensiv genug bedient. Wenn ich beim Musikmachen unzählige Stunden ununterbrochen vor dem Bildschirm verbringe und das bearbeite, was aus meinem Inneren in den Computer eingeflossen ist, komme ich manchmal an den verrückten Punkt, wo ich mehr von mir auf dem Bildschirm sehe und mehr von mir aus den Lautsprechern höre, als ich noch in mir selbst zu spüren glaube. Als ob der eigene Kopf in den Monitor wandert und einen irgendwie mitleidig, höhnisch oder irritiert anstarrt. Ich denke, viele, die durch ihren Job in der Situation sind, einen Großteil ihrer Lebenszeit einem Computer zu widmen, machen die Erfahrung, dass ihnen dadurch viel von ihrer mentalen Energie entzogen wird, oder dass die Schwelle zum Wahnsinn unweigerlich näher rückt.

Zillo: Nicholson spielt in dieser genialen Verfilmung des Romans von Stephen King einen Schriftsteller, der in der Einsamkeit Inspiration sucht und letztendlich an oder in ihr zerbricht. Wie wichtig ist das Alleinsein für dich und deine kreative Arbeit? Kann Einsamkeit für dich auch unerträglich werden?

Twn: Einsamkeit an sich erscheint mir nicht als unerträglich. Ganz im Gegenteil: alleine fühle ich mich weit weniger oft auf verlorenem Posten als in zahlreicher und guter Gesellschaft. Wogegen ich wirklich allergisch bin, ist Langeweile. Irgendjemand hat mal gesagt: Besser noch ein Tod im Alkohol als vor Langeweile! Ich bin daher froh, dass ich als eher zurückgezogener Mensch die Musik habe, um mich immer mit etwas beschäftigen zu können, (lacht)

Zillo: Wäre ich dein besorgter Produktmanager, würde ich sagen: „Torben, das ist künstlerischer Selbstmord, so ein schräges und kantiges Stück wie .Screenface' an den Anfang des Albums zu stellen. Das verschreckt die Hörer." Du teilst diese Sorge nicht?

Twn:
Im Lichte der Vermarktung kann ein schwieriger erster Song unvernünftig sein. Für mich liegt jedoch kein Reiz darin, dass uns spontan jeder super findet. Ich mache nicht Musik, um Erwartungshaltungen hinsichtlich Konformität und Eingängigkeit zu bedienen. Künstlerischer Selbstmord ist für mich der Versuch, möglichst wenig anzuecken.

Zillo: Wir wollten noch einmal über den Drehregler sprechen, der auf dem Cover der „synthesize me"-MCD abgebildet ist. Der Regler steht auf 4 und es gibt insgesamt 23 Stufen - eine Konstellation, um die du bei meinem Besuch in deinem Studio ein kleines Geheimnis gemacht hast. Würdest du es nun lüften und dabei eventuell gleich noch einen erklärenden Bogen zum Cover des Albums schlagen, auf dem wir einen Schaltkreis sehen können?

Twn: Ich möchte nur soviel dazu sagen, dass der „Trust-Regler" auf einen geringen Wert eingestellt ist, damit man sich selbst dazu anhält, mit seinem Vertrauen äußerst sparsam umzugehen. Insgesamt soll die grafische Umsetzung von „synthesize me" und „A different life" die Vorstellung verdeutlichen, die eigenen Gemütsregungen wie elektronische Parameter konfigurieren zu können, sich dadurch sozusagen innerlich zu optimieren und zu entheddern. „A different life" heißt nicht nur, die Dinge anders zu machen als der Rest, einen unabhängigen Weg einzuschlagen und keine anderen Limits für sich gelten zu lassen als die, die man sich selbst setzt, sondern stellt sich ebenso der Frage, ob und wie man die Dinge anders gestalten würde, hätte man die Chance auf einen Reboot, einen zweiten Anlauf.


Zillo: in der Tracklist, die du mir gegeben hast, fehlt die 13. Gerade vor kurzem habe ich mit einem Musiker gesprochen, der sein ganzes Leben an der Numerologie oder Zahlenmystik ausrichtete. „Die Wahrheit liegt in den Zahlen", sagte dieser Mann. Glaubst du, dass die numerischen Werte von Menschen und Dingen eine Macht ausüben oder überhaupt eine Bedeutung für unser Leben haben können?

Twn: Das Zahlensystem ist nicht mehr als ein Hilfsmittel, um unseren Lebensraum besser zu verstehen und um bestimmte Arbeitsprozesse zu erleichtern. Wenn ich mich nicht irre, hat das dezimale System irgendwann im Mittelalter das unhandliche römische verdrängt und wurde im Zuge der Ausbreitung des Handels etabliert, also zunächst aus wirtschaftlichen Motiven. Dieses an sich rein logische Umfeld parallel mit einer mystischen Komponente zu belegen, halte ich persönlich für abwegig. Ich glaube, es liegt in der Natur des Menschen,

dort übersinnliche und sinnstiftende Wahrheiten zu vermuten, wo die eigene Vorstellungskraft aufhört, bin mir allerdings sicher, dass sich Zahlen, Spielkarten, Sterne und so weiter einen Dreck um uns scheren. Zillo: Bist du abergläubisch?

Twn: Nein.

Zillo: Bereits bei meinem Besuch in deinem Studio hast du „A different life" als Album charakterisiert, bei dem du - sowohl inhaltlich als auch gestalterisch - eine starke Reduzierung auf das Wesentliche vorgenommen hast. So wenig verschnörkelt wie du sie angekündigt hast, klingt die CD tatsächlich über weite Strecken auch. Weshalb war dir dieses „Abspecken" des Sounds wichtig?

Twn: Ein Hintergrund des Konzeptes von „A different life" ist das Aufschlüsseln der „Seele" in verstellbare Parameter, anhand derer die eigene Persönlichkeit vollkommen frei und neu gestaltet werden kann. Der im Vergleich zu den beiden Vorgängeralben reduzierte Ansatz der Musik spiegelt dabei den oft vergeblichen Versuch wider, seinen Kopf aufzuräumen und sparsamer, effektiver, weniger benebelt und betäubt oder von trivialen Oberflächlichkeiten in Beschlag genommen zu leben. Zillo: Stellt eine weniger üppige Sound-Umgebung für dich als Sänger eine andere bzw. größere Herausforderung dar? Torben: Wenn die musikalische Begleitung abgespeckt ist, kommt der Stimme zwangsläufig eine höhere Bedeutung und Präsenz zu. Auf dem neuen Album finde ich jedoch die Sound-Umgebung nicht unbedingt weniger wuchtig, sondern vielmehr durchschaubarer und gleichmäßiger.

Zillo: Es gibt auf dem neuen Album hier und da Passagen, die für meine Ohren zwar sehr interessant klingen, aber nicht unbedingt meinem Harmonie- oder Melodieempfinden entsprechen. Das sind die berühmten Ecken, die eine Platte erst so richtig spannend machen können. Was mich interessiert: Setzt du diese Akzente bewusst - unterbrichst du eine Melodielinie beispielsweise vorsätzlich, um einen Akzent zu setzen? Torben: Die meisten Ecken und Kanten spiegeln die Vorstellung wider, die wir bereits vor dem eigentlichen Verfassen des entsprechenden Tracks hatten. Nimm zum Beispiel das Lied „sands": Der fließende Wechsel der einzelnen Parts bis hin zum verzweifelt ausbrechenden Endteil ist musikalisch genau so abgebildet, wie es beabsichtigt war. Das ist jedoch nicht der Fall, um einen Aha-Effekt zu erzielen, sondern um die textliche Aussage - in diesem Fall „don't believe the people who are screaming and shouting" -zu unterstreichen, unmissverständlich zu machen. Zillo: ihr seid für die Arbeiten an „A different life" sowohl in die Berge als auch ans Meer gefahren. Hatten diese unterschiedlichen Umgebungen tatsächlich Einfluss auf den Charakter oder den Klang der Platte? Torben: Mit Sicherheit. Der Track „colder" zum Beispiel ist in den meterhoch verschneiten österreichischen Alpen nahe der slowenischen Grenze entstanden. Die Ruhe, die sich mit dem Schnee auf die Landschaft und die Menschen legt, hat uns zu dem Stück inspiriert, was man ihm denke ich - deutlich anhört. Zumindest wenn man es weiß. Zillo: Soweit ich weiß, reist du ohnehin gerne von Zeit zu Zeit in der Weltgeschichte herum. Steckt in dir viel Fernweh? Was treibt dich in andere Länder?

Twn: Eigentlich bin ich immer sehr heimatverbunden gewesen und habe meinen Lebensmittelpunkt seit meiner frühesten Kindheit nie aus Reutlingen verlagert. Es ist nur so, dass mir von Zeit zu Zeit die Decke auf den Kopf fällt und ich dringende Auszeiten von meiner Heimatstadt und ihren Bewohnern brauche. In andere Länder treibt mich dabei wohl einfach Neugier.

Zillo: Das letzte Lied eines Albums kann ihm die Krone aufsetzen - ganz so, wie es beim wunderschönen „colder" der Fall ist. Weshalb hast du „A different life" diesen so besonders melancholischen Ausklang verliehen und eine Quintessenz der Platte - nämlich den Titeltrack - noch weiter am Ende versteckt?

Twn: „colder" steht für mich in der Tradition der langen, weitgehend instrumentalen Ausklänge, mit denen wir gerne unsere Alben beenden. Wie ich schon angedeutet habe, ist der Song als Gegenpol zum ersten Stück zu verstehen. Im Intro starrt die betreffende Person ununterbrochen in einen Bildschirm, als sprudele dort der Quell einer ungeahnten Erfüllung, und verliert dadurch mehr und mehr den Kontakt zu sich selbst, „colder" hingegen beschreibt die Erfahrung, durch die überwältigende Schönheit der Natur für einen Moment mit sich selbst und der Welt eins zu sein. Der Titeltrack hat sich dann irgendwie selbst noch mit auf das Album geschlichen. Der wollte wohl unbedingt noch mit drauf, (lacht)


interview: Jan Deckard & diorama [torben wendt]

foto: annie bertram

quelle magazin-interview: zillo - april 2007
 

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