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Zillo: Wie lange warst du in Kanada, und was war der Grund für diesen vorübergehenden Wohnortwechsel?
Torben Wendt: Ich habe ein halbes Jahr dort verbracht, um an einer Hochschule in Toronto zu studieren. Das Studium selbst war bei diesem Auslandsaufenthalt allerdings zweitrangig, vielmehr ging es mir darum, eine Weile abzuhauen, um den Kopf freizukriegen und um etwas zu erleben. Das war damals das Beste, was ich tun konnte. Es mag sich polemisch oder blöde anhören, aber ich habe dort wieder richtig angefangen, zu leben und zur Ruhe zu kommen. Es war eine dringend nötige Auszeit.
Zillo: Inwieweit hat dieser Aufenthalt das neue Album beeinflusst?
TWn: Einen guten Teil der Ideen für das neue Album habe ich aus Kanada mitgebracht. Vor allem die Gegensätzlichkeit zwischen dem hektischen Leben in Toronto und der Abgeschiedenheit inmitten der herrlichen Natur hat mich sehr fasziniert und gerade textlich inspiriert, wie auch all die interessanten Menschen, die ich während dieser Zeit getroffen habe.
Zillo: Der Titel des Albums fällt mit "The Art Of Creating Confusing Spirits" sehr ungewöhnlich aus. Was verbirgt sich hinter diesem Titel, und inwieweit sind die einzelnen Lieder des Albums darauf ausgerichtet?
TWn: Der Titel nimmt Bezug auf den kreativen Prozess des Musikmachens und auf die eigenen Reaktionen auf das hörbare Ergebnis, das einen teilweise selbst überraschen und faszinieren kann, ganz einfach, weil Musik ein Eigendynamik entwickelt und nur begrenzt unserer Kontrolle unterliegt. Für meine/unsere Verhältnisse sind diesmal einige recht abgefahrene/experimentelle Klänge dabei, deswegen passt es ganz gut, dass auch der Albumname ausgefallen ist. Die einzelnen Stücke haben jeweils für sich ihre eigene Bedeutung und Reichweite, sie haben aber die Gemeinsamkeit, dass sie alle diesem neu entdeckten musikalischen Pioniergeist entsprungen sind.
Zillo: Mit "Advance" hatte und hat Diorama einen Superhit. Versucht man als Musiker, einen solchen Wurf zu wiederholen, oder hatte dieser Song keinerlei Einfluss auf das neue Album?
TWn: Ich kann mich erinnern, dass wir irgendwann vor einem halben Jahr mit ein paar halbbackenen Songs für das neue Album da saßen, uns das Material durchgehört haben und gesagt haben, dass das ja alles gut und schön sei, aber so etwas wie "Advance" fehle noch. Diesen Gedanken haben wir aber ziemlich schnell verworfen, da man eben einen solchen Wurf nicht wiederholen kann und soll. Für einen Hit muss man einen Moment erleben und nutzen, in dem alles perfekt ineinander läuft. Das hat viel mit Glück zu tun. Außerdem hört man Möchtegern-Nachfolge-Hits unheimlich die gewollten Parallelen zum Original an, und das nervt meistens tierisch. Wir haben uns nicht davon lenken lassen, um jeden Preis einen vergleichbaren Hit zu schreiben, sondern waren da sehr ungezwungen, was andererseits aber auch nicht heißen soll. dass wir es künstlich vermeiden wollten.
Zillo: Das neue Album enthält einige stark elektronisch geprägte und tanzbare Songs, andererseits aber auch sehr melancholische, balladeske Nummern. Welche Seite ist diejenige, die die Personen hinter Diorama besser charakterisiert: Das Ausgelassene, Fröhliche oder das Bedächtige, Stimmungsvolle?
TWn: Da Musik und Texte völlig aus dem eigenen Innenleben kommen, finden sich unsere Persönlichkeiten grundsätzlich in allen Stücken und Stilistiken wieder. Bei mir ist das sehr von der Tages-oder Stundenform abhängig, inwieweit ich der balladeske Typ bin oder der ausgelassene. In der Melancholie finde ich mich wohl am ehesten wieder, Lachen und Blödsinn gehören aber trotzdem dazu.
Zillo: Was viele Leute nicht wissen, ist, dass du seinerzeit in einer Trance-Band angefangen hast zu musizieren. Heute hast du für Bands wie die Venga Boys allerdings nicht mehr allzu viele gute Worte übrig, wie eure Homepage verrät ... Wie stehst du zum derzeit herrschenden Future-Pop-Hype, der auch ganz gerne mit dem Etikett Kirmes-Techno belegt wird?
TWn: Es liegt mir absolut fern, einer Musikrichtung oder einer anderen Band Oberflächlichkeit und Minderwertigkeit zu unterstellen, außer vielleicht Brooklyn Bounce, nein, lassen wir das. So wichtig nehme ich mich nicht! Ich bin der Letzte, der irgendeine Musikrichtung verdammen würde, außer der nicht auszuhaltenden Komerzialisierung. Musik ist Geschmackssache, und es tut gut, dass wir so viele verschiedene Ausprägungen mit unterschiedlichen Ansprüchen haben. Was mich nur immer traurig macht, sind diese mitunter vernichtenden Urteile von Zeitgenossen, die meinen, sie wüßten alles besser und genau Bescheid, warum welche Band jetzt so oder so handelt, die einen regelrecht dafür verachten, wenn man einen eigenen musikalischen Weg geht. Das könnte zwar egal sein, Tatsache ist aber, dass ich für die Musik lebe und somit an dieser Stelle am verwundbarsten bin. Das Ganze ist mir so wichtig, dass es schmerzt, wenn es aus welchen Gründen auch immer vorsetzlich zerredet wird. Mir geht es darum, den Fokus auf die Musik selbst zu legen und von dem Getue drumherum abzulenken. Mir ist es unangenehm, wenn man Diorama krampfhaft in Schubladen pressen will, ob nun Future-Pop oder Wave oder G-Funk draufsteht.
Zillo: Du hast eine ganze Zeit lang bei den Konzerten von Diary of Dreams als zweiter Sänger fungiert. Auch sonst gibt es einige Gemeinsamkeiten zwischen den Bands, wie etwa der doch sehr ähnliche Name und eine gewisse musikalische Nähe. Wie siehst Du dieses Verhältnis selbst, und wo würdest Du Diorama von Diary of Dreams abgrenzen?
TWn: Die Gemeinsamkeiten rühren vor allem daher, dass wir vergleichbare Beweggründe hinter dem Musikmachen haben, dass wir geschmacklich auf ähnlicher Wellenlänge schwimmen, und dass Adrian Hates damals mein Debüt-Album produziert hat. Ich denke aber, wer sich die aktuellen Scheiben der beiden Bands anhört, wird die mittlerweile deutlich auseinander driftende Entwicklung wahrnehmen. Ich sehe keinen Sinn darin, jetzt mit Worten eine Abgrenzung zu definieren, die ich als überflüssig empfinde. Die Unterschiede sind hörbar und sichtbar und bedürfen keiner Selbstdarstellung. Ich will mich nicht jedes Mal hinstellen und an dieser Stelle irgendwas verkörpern. Ist das denn so wichtig? Es kommt doch auf unsere Musik an und nicht auf unsere Positioning-Strategie. Ich habe von Fans in Russland gehört, die denken, mich gibt's gar nicht. Völlig geil.
Zillo: Kommen wir mal zur Musik und damit auch zum neuen Album. Inwieweit spiegeln die Songtexte von Diorama persönliche Erfahrungen und Sehnsüchte wider? Wie wichtig ist die Musik als Ausdrucksform für dich?
TWn: In den Songtexten sind ausschließlich persönliche Erfahrungen enthalten. Ich mache Musik aus dem Drang, frei zu werden, mir selbst zu helfen und nicht aus politischen oder konzeptionellen Gründen. Musik ist die für mich am weitesten reichende Ausdrucksform, da die Kombination aus Sound und Texten und eigentlich allem Hörbaren schier unbegrenzte Möglichkeiten zulässt. Ich denke, jeder hat seinen Weg, sich mitzuteilen, sei es durch Gespräche oder Briefe oder Kleidung oder Sport, weiß der Fuchs. Ich kann bestimmte Dinge lediglich über die Musik kommunizieren und mir selbst vor Augen beziehungsweise Ohren führen. Diesmal habe ich, glaube ich, viel Vergangenheitsbewältigung betrieben.
Zillo: Was sich zum Beispiel in einem Song wie "Howland Road" niedergeschlagen hat.
TWn: Ja, das stimmt. In der Howland Road habe ich gelebt, als ich in Toronto war. Der Aufenthalt war unglaublich prägend für mich. Ich habe in einem ausgebauten Dachgeschoss gewohnt und dort endlose Stunden damit verbracht, Musik zu hören, Bücher zu lesen, Texte zu schreiben und sehr betrunken zu sein. Irgendwie hat mich dort eine beruhigende, abgeschottete, sichere Stimmung beflogen, und meine Gedanken konnten zu Erinnerungen, an die ich mich zu lange nicht herangetraut hatte, und zu abstrusesten Ideen und Visionen driften. Eine positive Einsamkeit. Gleichzeitig ist das Gefühl immer stärker gewachsen, dass ich mit einem Großteil der "Außenwelt" nichts anfangen kann und immer irgendwie eine Beobachterposition einnehmen werde. In solchen Gedanken versunken, habe ich jede Nacht einen Gutenacht-Spaziergang unternommen, einmal die Straße hoch, einmal runter, und da sind mir in etwa die Textzeilen eingefallen, die auf der CD jetzt zu hören sind.
Zillo: Und was ist das "Home To Millions"?
TWn: Eine Heimat, die im Grunde keine ist. Ich denke, jeder ist irgendwie auf der Suche nach einer Heimat, die in einem bestimmten Ort bestehen kann oder in anderen Menschen. Sobald eine vermeintliche Heimat aber anderen offen steht, deren Zugang dort alles zerstört, ist sie eben keine Heimat in dem Sinne mehr. Man wird zum Vertriebenen. Ich kann das so nicht besser ausdrücken. Glücklich zu sein ist etwas, das permanent am seidenen Faden hängt und das man mit allerhöchster Sorgfalt behandeln muss.
Zillo: Wie man deinen Aussagen und besonders auch deinen Texten anmerkt, bist du ein sehr nachdenklicher, philosophischer Charakter...
TWn: Mich beeindrucken philosophische Gedankengänge einfach sehr. Da gibt es zurzeit so eine Sendung, die kommt immer nachts im Dritten, wo sich ein Astrophysiker mit einem Philosophie-Professor über die Entstehung und Bedeutung des Lebens und des Universums unterhalten. Genial!
Zillo: Unter anderem schreibst du ja auch noch Gedichte. Welche Rolle spielt die Kunst in all ihren Ausprägungen generell in deinem Leben?
TWn: Die Kunst ist ein sehr essentieller Bestandteil meines Lebens. Ich bin jeden Tag aufs Neue dankbar, dass ich das Schreiben und die Musik habe, um mit mir selbst klarzukommen es Künstler gibt, die ähnlichen Sehnsüchten, Ängsten und Inspirationen nachgehen. Ich denke, wenn man Kunst macht, hat man automatisch ein gewisses philosophisches Faible, weil man auf de Suche nach sich selbst Dinge hinterfragt und nach Ursachen und Erklärungen sucht, die man dann gerne auf einen größeren Rahmen überträgt. Es ist immer aufs Neue der Hammer, dass Menschen sich hinsetzen und Töne, Buchstaben oder Farben zusammenfügen, um der Welt und sich selbst etwas mitzuteilen, um etwas auszuleben. Das muss doch seinen Sinn haben! Was für eine Welt hätten wir denn, wenn das nicht stattfinden würde?
Zillo: Gehen wir zum Schluss noch mal kurz auf die Konstellation und Arbeitsweise von Diorama ein. Außer Felix Marc und dir gibt es mit Bernard Le Sigue seit kurzem ein drittes Bandmitglied. Wie kam es dazu?
TWn: Bernard ist vor einem knappen Jahr dazugestoßen. Wir haben ihn in die Band integriert, da er musikalisch und menschlich sehr gut mit Felix und mir harmoniert, die gleichen musikalischen Ziele verfolgt und ein hervorragender Bassist und somit ein großer soundmäßiger Bonus ist.
Zillo: Was hat sich dadurch verändert, arbeitet ihr jetzt anders als vorher?
TWn: Unsere Arbeitsweise hat sich generell verändert. Während wir uns früher bei den Produktionen aufs Programmieren und Arrangieren am Computer konzentriert haben, sind viele Stücke gerade für das neue Album aus unseren Bandproben heraus entstanden, bei denen wir irgendeine Idee, eine Melodie oder einen Beat weitergesponnen haben, indem wir gemeinsam musiziert und improvisiert haben. An dieser Entwicklung hat Bernard sicher seinen Anteil, da mit einem Live-Instrument automatisch eine gewisse Natürlichkeit, eine Art Bandgefühl eintritt.
Zillo: Das heißt, du bist nicht der alleinige Chef im Ring?
TWn: Nein, absolut nicht! Wir sind als Band unterwegs, und da hat jeder seine Einflussmöglichkeiten, seine Stärken und Schwächen einzubringen. Ich bin in dieser Hinsicht auch absolut kein dominanter Typ. Wenn man eine Band aufbaut, muss sich jeder darin verwirklichen können, sonst macht es wenig Sinn. Bei uns stellen sich Fragen nach Kontrolle und Oberhand momentan auch gar nicht, da wir alle an einem Strang ziehen und die gleichen Vorstellungen haben.
Zillo: Aber den musikalischen Löwenanteil steuerst letztlich schon du bei?!
TWn: Ich bin nach wie vor für die Kompositionen und für die Texte maßgebend. An Arrangierungen, Strukturen und einzelnen Ausgestaltungen arbeiten wir zum großen Teil gemeinsam, und natürlich steuert jeder mit seinem Instrument vieles bei, ob Keyboard, Bass oder Klavier. Bei der neuen Scheibe habe ich darüber hinaus endlich meine Trommelleidenschaft einbauen können und bei einigen Stücken die Bongos geschwungen.
interview: Marc Urban & diorama [torben wendt]
foto: silke jochum
quelle magazin-interview: Zillo - November 2002
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