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MK: "Das Meer" ist der erste veröffentlichte und vertonte Text Dioramas in deutscher Sprache. Ein Text voller Poesie, ohne leere Worthülsen oder peinliche Formulierungen, ohne die Banalitäten des Schlager-Genres oder eine überzogene, intellektuelle Sprachgewalt, der in dieser Form sicherlich nur schwer zu erarbeiten war, und doch bereits im Alter von sechzehn Jahren als Gedicht entstand.
twn: Das ist für mich das Hauptproblem an der deutschen Sprache in Songs generell. Man will ja etwas aussagekräftiges formulieren, ohne dabei polemisch oder theatralisch zu wirken. Man will aber auch nicht stumpfsinnig sein und nur Metaphern dreschen. Das ist eine unheimliche Gratwanderung, denn sobald man etwas tiefgründiger und tiefsinniger wird, kriegt das ganz leicht den Hang zur Polemik. Deswegen habe ich eigentlich auch immer ein bißchen Schiß davor gehabt.
MK: "Time Doesn´t Heal Your Wounds At All" mag eine der Zeilen sein, die auf den ersten Blick banal klingt. So wie ein Sprichwort sagt, daß die Teit alle Wunden heilt, so dokumentiert dieses Textfragment aus "Times Galore" eine tiefgreifende Auseinandersetzung Torben´s mit dem Umgang und der Verarbeitung des erlebten und gefühlten Schmerzes über einen längeren Zeitraum.
twn: Das muß man jetzt wieder im Gesamtkontext, auch im Gesamtkontext des gesamten Refrains sehen. Das ist jemand, der da steht und seine Wut und seinen Unmut über die Zeit an sich äußert, daß man die Zeit nicht anhalten kann und vor der Zeit alle gleich sind. Daß die Zeit keine Unterschiede macht und der Gedanke der Endlichkeit, des Todes, der vor niemandem halt macht, erwächst. Auch das Bild des Engels, die ebenfalls der Zeit unterworfen sind. Es ist nicht die Zeit selber, die die Wunden heilt, sondern die eigene Persönlichkeit, die irgendwann genug Kraft oder Auswege findet, um etwas zu vergessen oder zu verarbeiten.
MK: Künstlern wird häufig nachgesagt, sich intensiver mit dem Leben und all den Problemen, die das Miteinander verschiedener Kulturen und Lebensformen mit sich bringt, auseinanderzusetzen und diese Auseinandersetzung in Form von Liedern, Literatur, Bildern oder sonstigen künstlerischen Ausdrucksformen zu manifestieren. Eine These, die es zu bestätigen gilt.
twn: Es ist schwierig diese Frage zu beantworten und dabei nicht wertend zu wirken. Künstler haben, wenn man das mal generell und klischeemäßig betrachtet, sicherlich eine andere Form des Erlebens und des Auffassens von Dingen, weil sie es sich in ihrer Kunst, egal ob es nun Malerei, Bildhauerei oder die Musik ist, einfach zu ihrer Eigenart gemacht haben, dieses anders zu verarbeiten. Über die Tiefgründigkeiten des Lebens denken Künstler und auch Kunstinteressierte, Menschen, die an Kunst teilhaben und sie genießen, doch vielleicht intensiver oder zu einem höheren Anteil nach.
MK: Sind Künstler demnach sensiblere Menschen?
twn: Ja, mag sein. Vielleicht gefühlsbetonter als die Allgemeinheit. Aber was ist die Allgemeinheit? Ich würde folgende These in den Raum stellen. "Ein 08/15-Talkshow-Zombie hat sicherlich einen wesentlich geringeren Bedarf an intellektueller Reflektion über die Tiefe des Lebens, als ein Mitglied unseres Musikgenres". Sei es jetzt ein Künstler oder ein Konsument.
MK: Diese Reflektion zeigt sich vor allem in einem Lied wie "Photo", das eingeleitet wird durch ein, für die Tiefe des Textes bedeutsames Sample über einen Galleriebesucher, der, an einer Brüstung lehnend, seinen Blick über die Gallerie und die sich dort befindlichen Menschen schweifen und seine Gedanken kreisen läßt.
twn: "Photo" ist eine Beobachtung, eine Überlegung oder einfach auch nur eine Ansammlung von Gedanken über die menschliche Existenz. Keine umfassende Analyse, aber einfach Gedanken wie: "warum sind wir hier, was tun wir hier, wo gehen wir hin und wo kommen wir her". Da schwingen auch biblische Motive mit, ganz so, als ob jemand die menschliche Geschichte von Anfang an bis heute verfolgt und sich ein Urteil darüber bildet oder Phrasen drischt.
MK: Neben der bereits erwähnten Reflektion des Lebens gibt es die ebenfalls angesprochene biblische Komponente des Textes, eines religiösen Motives, das auf eine christliche Erzeihung und eine umfassende Reflektion von Religion allgemein schließen läßt.
twn: Diese biblische Motiv bei "Photo" mit der Schöpfung und der Vertreibung aus dem Paradies beruht auf der Tatsache, daß dies ein ganz griffiges und veranschaulichendes Bild ist, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann. Ich bin weder religiös erzogen worden, noch bin ich in irgend einer Form religiös. Ich bin nicht mal jemand der von sich sagt, er hätte seine eigene Religion gefunden. Mich tangiert das überhaupt nicht. Deshalb bin ich nun auch keiner, der die Bibel interpretiert und nach schlüssigen Ansätzen für sich sucht. Ich habe eine sehr liberale, aber auch eine sehr indifferente Einstellung zur Religion.
MK: Wer Diorama im Vorprogramm der letztjährigen Tournee mit Diary of Dreams gesehen hat, weiß um die ungewöhnliche und mutige Präsentation der Stücke vom "Pale"-Abum in ihrer akustischen, nur durch ein Klavier und den Gesang vorgetragenen, beinahe fragilen Präsentation, die nicht nur dem Künstler selbst, sondern auch seinem Publikum sehr viel abverlangte und dementsprechend auch honoriert wurde.
twn: Das war wirklich etwas ganz Neues und jedem Fall ein Experiment. Ich hatte keine Ahnung, wie die Leute es annehmen würden, zumal etliche ja auch noch gar nicht mit Diorama in Berührung gekommen sind und sich überhaupt nicht vorstellen konnten, was sie jetzt erwartet. Generell war ich aber von den Reaktionen überwältigt. Es kam durchweg überall sehr positiv an, die Leute haben in den allermeisten Fällen sehr gut zugehört und sich wirklich versucht, dem Vortrag zu öffnen.
MK: So gelungen sich dieses Experiment auch letztendlich dargestellt hat, die Umsetzung der Stücke, so wie man sie von den Alben her kennt, läßt weiter auf sich warten, auch wenn Torben bereits daran arbeitet Musiker zu finden und zum Teil bereits gefunden hat, die eine adäquate Live-Präsentation für die Zukunft gewährleisten. Doch zunächst gilt es, private Verpflichtungen zu erfüllen, so daß eine ausgedehnte Diorama-Tour noch eine Weile auf sich warten lassen muß.
twn: Also, eine Diary of Dreams-Tour gibt es im Oktober oder November. Ich bin ab August allerdings weg, da ich mindestens für ein halbes Jahr im Rahmen meiner Ausbildung und meines Studiums nach Toronto verschwinden werde. Da führt kein Weg dran vorbei und wird einen kleinen Knacks in der Diorama-Geschichte verursachen. Aber ich werde danach auf jeden Fall mit "doppelter Gewalt" wieder zurückkommen.
interview: Michael Kuhlen & diorama [torben wendt]
fotos: silke jochum
quelle online interview: obliveon.de - 2002
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