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mk: Schuldgefühle ist das passende Stichwort im Hinblick auf Emotionen und das Preis geben von Gefühlen durch Musik, vor allem aber durch die Texte einer Band. Nun sind auch die Texte Dioramas von je her das Abbild Torbens und seiner entsprechenden Lebenssituation gewesen, in denen er sein alltägliches (Er)Leben und seine Gefühle zu verarbeiten sucht, gleichzeitig dabei aber auch einen Einblick in sein Seelenleben gestattet. Der Künstler wird somit zu einer öffentlichen Person, bei der so mancher Fan und Kritiker die gebotene Distanz nicht immer zu wahren weiss und man sich für Dinge rechtfertigen oder mit Reaktionen auseinandersetzen muss, die Angst machen und denen man sich unter Umständen vielleicht nicht gewachsen fühlt.
twn: Es ist mir egal, wenn irgendjemand meint, er müsse mich angreifen. Vom wahren Gegner fährt grenzenloser Mut in dich, oder so ähnlich. Im Ernst, nichts wäre schlimmer, als diese traumhafte innere Welt unerschlossen zu belassen. Es gibt einen Drang, dem ohne diese Rücksicht nachgegeben werden muß. Alles andere ist zweit- und drittrangig. Es gab schon Fans, die für meine Begriffe zu weit gegangen sind, aber gottlob nie so weit, daß ich über die Installation eines "Panic Rooms" nachdenken mußte. Eine neue Handynummer hat bis jetzt gereicht.
mk: Der Torben, den man häufig privat und als lebenslustigen und fröhlichen Menschen erlebt, steht im Gegensatz zu dem ernsten, auf offiziellen Bandphotos stets nachdenklich und introvertiert wirkenden Menschen. Ist diese Diskrepanz die bewusste Abgrenzung zwischen dem privaten und dem öffentlichen, dem geschäftlichen, Torben Wendt, oder eine gewisse Form der Unsicherheit?
twn: Wer mich wirklich persönlich kennt, würde die Formulierung "fröhlicher Mensch" so nicht stehenlassen. Die von dir angesprochende Diskrepanz, die meinem Alltag durchaus bestimmt, ist leider keine Farce. Um es mit den Worten eines lieben Freundes zu sagen: mir wurden zuviele Wahrheiten angeboten.
mk: Schein und Sein sind, wie auch Kommerzialität und Erfolg, Begriffe, die das Musikgeschäft prägen wie kaum etwas anderes. Dabei schliessen sich diese nicht selten gegenseitig aus, denn wenn man sieht, welcher Hype um "Deutschland sucht den Superstar" gemacht wird oder wie die Kommerzialisierung der "Big Brother" vonstatten ging - hat sich mal jemand gefragt, was aus Zlatko "Wer ist Shakespeare" geworden ist - muss einem ernsthaft arbeitenden Künstler wie Torben Wendt doch die Galle ob der zahlreichen unentdeckten Talente überlaufen.
twn: Auch wenn mir das sicher wieder Schelte von ein paar Hardlinern einbringt, meiner Ansicht nach schließen sich die Begriffe nicht aus. Daß sich in der Realität zumeist Gegenbeispiele finden, daran ist nicht die Qualität der Musik schuld und ebenso nicht der Geschmack der Rezipienten. Schuld sind die verkrusteten Strukturen der Musikindustrie, das Konglomerat aus diversen hohen Herren der Branche, das fortwährend alles blockiert und den Markt mit geistigem Magerquark überflutet. Was soll die Masse denn kaufen, wenn ihr nichts anderes vorgesetzt wird, als kleine Schlampen, die wahlweise "dirty" oder "beautiful" sind, als hosenkrempelnde, sich gegenseitig bis zum Exzess featurnde Ghettobrüder und -schwestern, die davon singen, wie hart das Leben ist und in ihren Videos Dollarscheine aus Ferraris schmeißen, oder als die millionste "Hey, wir haben ne Message"-Band in Schuluniform? Will man nicht in einem Kleid, aus dem die primären Geschlechtsorgane neckisch hervorlugen, bei "Wetten dass" auftreten oder sich für einen etablierten Produzenten zur Nutte machen (am besten man läßt sich gleich von Dieter Bohlen bürsten), ist es schier unmöglich, überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Jeder breitere Weg zur Öffentlichkeit wird von einem ausgesuchten Kader beherrscht, der entscheidet, wer für eine Weile mit den großen Jungs mitspielen darf und wer nicht. Spinner wie wir haben da keinen Zutritt. Wie viele absolut geile Underground-Bands gibt es, die, so wie sie sind, einer breiten Masse durchaus gefallen würden, würde diese nur Notiz von ihrer Existenz bekommen? Manchen Künstlern ist das trotzdem parademäßig gelungen. Was ist zum Beispiel mit Massive Attack, Grönemeyer, Moby, Deine Lakaien, Björk? Vielleicht ist die Masse tatsächlich dumm und frißt Pommes. Was wäre aber, wenn das Sortiment transparenter wäre? Würde nicht der ein oder andere zur Abwechslung mal zu Maultaschen oder Sushi greifen? Wie auch immer, das Gezeter um Superstars, nach denen KEIN MENSCH gesucht hat, bewirkt in mir einen fruchtbaren Hass und eine zynische Enttäuschung, die letztlich Nährboden für weitere eigene Werke werden. Diorama wird sich nicht verbiegen, für nichts und niemand auf der Welt. Wenn sich Erfolg einstellt, sehr gerne, wenn nicht, nehmen wir einen tiefen Schluck, einen tiefen Zug und machen gerade so weiter.
interview: Michael Kuhlen & diorama [torben wendt]
fotos : 1) silke jochum, 2) nicht bekannt
quelle online interview: obliveon.de - 2003
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