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Ebene stattfinden und viele werden versuchen, bei jedem auflodernden stilistischen Buschfeuer einen Gaul ins Rennen zu schicken. Eine besondere Eigenschaft der elektronischen Musik liegt in der Tatsache, dass ihre Produktion durch den technischen Fortschritt für jedermann zugänglich geworden ist, sprich nur ein Mindestmaß an musikalischer Ausbildung und kreativer Begabung erfordert, was im Grunde okay ist. Das verursacht jedoch einen ungeheuer komplexen und übersättigten Markt, der zu einem großen Anteil aus, ich nenne es mal Hobby-Produktionen besteht, sowie ein Schrumpfen des Bewusstseins für die tatsächliche Qualität der eigenen Werke. Damit meine ich, dass immer mehr Produktionen Zugang zum Hörer verschafft wird, deren künstlerisches Potenzial sich nicht zu erschließen weiß. Außerdem ermöglicht es den Künstlern, wie angedeutet, auf einer einzigen Plattform mehrere unterschiedliche Projekte gleichzeitig zu betreiben und so relativ unmittelbar auf Trends zu reagieren. D.h. ein Trend oder eine neue Idee bekommt dadurch womöglich noch weniger Zeit sich zu entfalten, bis die ersten Nachahmer auf den Plan treten und alles zumüllen. Elektronische Musik wird ebenfalls nicht vom Einfluss der neuen Distributionsformen und des radikal veränderten Hörverhaltens verschont bleiben. Je mehr sich die MP3-Kultur in den Köpfen festigt bzw. die Präferenz für konservativ gekaufte Tonträger auswächst, desto weniger relevant wird die Kunstform Album sein, desto höher wird die Schnelllebigkeit und das Substitutionsrisiko und dadurch in kommerzieller Hinsicht der Zwang, sich am Puls der Zeit zu orientieren, desto schwerer werden es Musiker haben, die die Welt mit unkonventionellen, zunächst unmodernen Ideen bereichern könnten. Plattenfirmen, insbesondere die global Player, werden zudem durch die schwierigen Konsumbedingungen, sagen wir einmal nicht unbedingt darin gestärkt werden, Unkonventionalität zu fördern. Die werden an der Massenverblödungsstrategie festhalten, mit der sie in unbeirrbarer Fröhlichkeit ihr eigenes Grab buddeln. Die Zeiten, in denen Künstler im Sinne ihrer originären Kunst aufgebaut wurden, sind eben vorbei. Und die Independents werden hier schlicht nicht die volle Verantwortung schultern können. Alles in allem sehe ich keine guten Voraussetzungen für revolutionäre Entwicklungen, und so sumpfen wir vor uns hin, werden hier ein bisschen böser, dort ein bisschen lieber, greifen alte Erfolgskonzepte auf und warten, bis einer mal wieder einen großen Wurf landet. Auch wenn sich der Eindruck einstellt, alles sei schon einmal irgendwie, irgendwo da gewesen, ich bin nicht dieser Meinung. Es gibt noch unendlich viel Neuland zu erschließen.
Dirk Hoffmann: Hm, schwierige Frage ... Ich glaube nicht mal, dass es großartig neue Trends geben wird, sondern nur Variationen/Rekreationen bestehender Stilistiken.
Torben Schmidt: Pfeif auf Trends, ich hasse schon alleine das Wort, jedes Jahr bringt wieder einen Trend hervor und wenn er "out" ist, wird eine neue Wortkreation erfunden um irgendwas, was im Grunde immer schon da war, neu zu verpacken.
Daniel Myer: Auf der einen Seite immer songorientierter und radiotauglicher, auf der anderen Seite immer ausgeflippter. Ich werde versuchen beides miteinander zu verbinden. Mal schauen, ob es mir gelingt.
Julia Beyer: Wenn ich das wüsste, würde ich vermutlich so schnell wie möglich ein eigenes Label gründen, aber eine Voraussage zu treffen, ist meiner Meinung nach unmöglich. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass Dance-Elemente, wie schon jetzt, immer mehr Einzug in düstere elektronische Musik halten. Bei manchen Bands ist ja heute schon kaum zu sagen, ob es eine Dance- oder Electropop-Band ist.
Lorenz Macke: Es werden hier und da mehr organische Instrumente / Sounds auftauchen, also Gitarren, Schlagzeug. Wenn du von 100% Electro sprichst, erwarte ich die nächsten Jahre nix neues.
Ion Javelin: Grundsätzlich kann von gesamtgesellschaftlich dominierenden Trends - die sich in der Tendenz in immer rascherer Folge ablösen und heute auch bei weitem nicht mehr die Stärke und Nachhaltigkeit längst vergangener Trends entfalten können - wenn überhaupt, höchstens noch insofern gesprochen werden, als man das Augenmerk ausschließlich auf die kommerziell erfolgreiche Musik legt; und selbst dort zeigt sich - so würde ich vermuten - ein klar uneinheitlicheres Stilgemisch als noch in den 80ern, 70ern oder gar 60ern. Es wäre möglicherweise aufschlussreich, dies einmal zum Gegenstand einer statistischen Untersuchung zu machen. Jenseits der Chart-Musik, und hierauf dürfte die Frage eher abzielen, herrscht in meinen Augen seit etwa 15 - 20 Jahren jedoch das Neben-, Mit- und Gegeneinander nahezu aller in der U-Musik existierenden Richtungen. Dies wird auch so bleiben, da es mittlerweile einfach zu viele gibt - gerade im Bereich der elektronischen Musik -, die sich berufen fühlen und es sich auch leisten können, Tracks zu ersinnen, zu produzieren und zu vertreiben. Insbesondere bei elektronischer Musik wird auch in Zukunft - relativ unabhängig von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung der in der elektronischen Musik federführenden Länder - das Chaosprinzip herrschen, eine weitgehende Unübersichtlichkeit, was ja auch gut und schön ist, wenn auch gleichzeitig der Anteil wahren Schrotts oder zumindest nicht unbedingt notwendigen Materials an der Masse der Neuerscheinungen stetig zugenommen hat bzw. evtl. sogar noch zunehmen wird. Merke: Wer einen Computer oder Plattenteller bedienen kann, ist deshalb noch nicht wirklich einer, der Musik machen kann ... Ich glaube also nicht - ob in den Charts oder außerhalb -, dass sich auf dem Musikmarkt in näherer Zukunft irgendetwas ereignen wird, was das Etikett 'Trend' als musikalische Bezeichnungskategorie wirklich verdient; selbstverständlich aber wird es immer wieder hervorragende einzelne Produktionen und Projekte geben, die von sich Reden machen, und von daher vielleicht auch diverse, nebeneinander existierende 'Minitrends', die sich wechselseitig jedoch nicht dominieren können (und wollen).
Frank Spinath: Ich beobachte, dass elektronische Musik, die ich persönlich innovativ finde (und da können die Meinungen natürlich völlig auseinander gehen), Genregrenzen überschreitet und Stilrichtungen vermischt, z.B. Retro-Sounds, klassische Synthlinien und dreckige Drums, die dir ins Gesicht treten, kombiniert mit versierten Kompositionen und druckvoller Produktion. Wenn ich derzeit neue Musik höre, wünsche ich mir oft mehr Abwechslung (z.B. zwischen den Stücken einer Band), ruhig auch mal Widersprüche statt allzu glatter Konzepte. Rotersand ist beispielsweise mit ihrem neuen Album "Welcome To Goodbye" eine gekonnte Mischung sehr verschiedene Stile gelungen. Was die CD zusammen hält, ist das, was Rotersand ausmacht, sozusagen die Identität der Band. Davor habe ich Respekt und das finde ich richtungsweisend. Am Rande muss ich beim Thema "Trend" bzw. "Trendsetter" gerade an Kraftwerk denken. Einigkeit besteht unter den Elektrofans vermutlich über den Kultstatus, den diese Band zu Recht genießt. Die Kehrseite dieser Medaille ist in meinen Augen, dass die Band heute kaum noch Bewegungsspielraum hat, weil die Erwartungen an neues Kraftwerk Material aufgrund ihres einzigartigen Status beinahe unerfüllbar geworden sind.
6. Wird die Akzeptanz für elektronische Musik aus anderen Bereichen größer, sodass man mit neuen Impulsen umzugehen weiß, Szenen sich gegenseitig musikalisch bedienen oder kocht am Ende doch jeder sein eigenes Süppchen?
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